Fraunhofer IPA: Radar-on-Chip-Sensoren für smarte Rollstühle

Ein am Fraunhofer IPA entwickeltes Radar-on-Chip-System soll Rollstuhlfahrern und Beinprothesenträgern mehr Bewegungsfreiheit und -sicherheit geben.

Radar-on-Chip-Sensor zum Scannen der Umgebung für die elektronische Steuerung z. B. von Beinprothesen Bildquelle: © Fraunhofer IPA, Rainer Bez

Radar-on-Chip-Sensor zum Scannen der Umgebung für die elektronische Steuerung z. B. von Beinprothesen

Treppen, steinige Wege und Stufen – für Rollstuhlfahrer sind solche Hindernisse oft unüberwindbar. Und auch für die Träger von Beinprothesen können sie gefährlich sein, weil das künstliche Körperteil – anders als das natürliche Knie- oder Sprunggelenk – keine Ausgleichsbewegungen macht.

»Das Ziel der Forschung ist es daher, Rollstühlen und Prothesen Intelligenz zu verleihen«, sagt Bernhard Kleiner von der Abteilung Biomechanische Systeme am Fraunhofer IPA. Zusammen mit seinem Team hat er ein Sensorsystem entwickelt, das hilft, Hindernisse rechtzeitig zu erkennen und zu überwinden.

Herzstück der neuen Technik sind Radar-on-Chip-Sensoren…

...zum Scannen der Umgebung. Verglichen mit Ultraschall- oder Lasersensoren, die traditionell zur Steuerung von Robotern eingesetzt werden, haben die Radar-Chips mehrere Vorteile: Sie sind deutlich leichter und kleiner, eignen sich daher besonders gut für mobile Anwendungen und funktionieren auch außerhalb geschlossener Räume. Für den Einsatz in der Orthopädietechnik ist das ein großer Vorteil, denn die Patienten sollen die neuen Funktionen in möglichst vielen Situationen verwenden können.

Günstige Radarchips haben jedoch auch einen Nachteil: Sie verfügen nur über eine Antenne, die sowohl Signale aussendet als auch die reflektierte Strahlung empfängt. Mit dieser Anordnung lassen sich nur Gegenstände sichtbar machen, die vom Radarstrahl direkt getroffen werden. Die Messung ist damit eindimensional. Für die Ortung von Hindernissen ist das zu wenig.

Durch einen Trick ist es Kleiners Team gelungen,…

...aus den eindimensionalen Messungen ein zweidimensionales Bild zu erstellen: »Ähnlich wie ein Laserscanner verschiedene Punkte einer Oberfläche abrastert, kombinieren wir mehrere Reflexionen aus unterschiedlichen Blickrichtungen«, erläutert der Projektleiter. Die unterschiedlichen Blickrichtungen entstehen quasi von selbst, wenn der Radar-Chip bewegt wird – beispielsweise, weil sich der Träger einer mit der Sensorik ausgerüsteten Beinprothese bewegt. 

Intelligenter Rollstuhl mit beweglichen Radgelenken Bildquelle: © Human Engineering Research Laboratories HERL, University of Pittsbourgh

Intelligenter Rollstuhl mit beweglichen Radgelenken

Komplizierter ist es,…

...mit einem Sensor, der in einen Rollstuhl integriert ist, unterschiedliche Blickwinkel zu erzeugen. Hier hilft ein Spiegel, der den Radarstrahl hin- und herlenkt. Aus den unterschiedlichen Messungen erzeugt dann ein eigens entwickelter Algorithmus das 2D-Bild der Umgebung, auf dem sich Hindernisse bis auf wenige Zentimeter genau lokalisieren lassen.

Das Verfahren haben die Experten am IPA bereits patentiert…

...Zusammen mit dem isländischen Prothesen-Hersteller Össur untersuchen sie jetzt, wie die elektronische Steuerung von Beinprothesen mit Hilfe der Radar-Bilder verbessert werden kann. Und in einem Forschungsprojekt mit den Human Engineering Research Laboratories HERL der amerikanischen University of Pittsburgh entwickeln die Fraunhofer-Ingenieure einen intelligenten Rollstuhl mit beweglichen Radgelenken, der sogar Treppen überwinden kann.