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Siemens und LO3 Energy: »Blockchain ist Chance, nicht Gefahr für Energieunternehmen!«

Microgrids und Blockchain-Handelsplattformen könnten die Energiewelt revolutionieren. Smarterworld sprach mit Stefan Jessenberger, Microgrid-Experte der Siemens-Business-Unit Digital Grid, über die Zusammenarbeit mit LO3 Energy, die Zukunft der Microgrids sowie den Peer-to-Peer-Handel.

Eine Photovoltaikanlage, die im Blockchainprojekt in Brooklyn eingebunden ist. Bildquelle: © LO3

Eine Photovoltaikanlage, die im Blockchain-Projekt Brooklyn MICROGRID eingebunden ist.

smarterworld: Siemens arbeitet mit dem amerikanischen Start-up-Unternehmen LO3 Energy für den Aufbau eines Microgrids in Brooklyn zusammen. Wie sind sie auf LO3 und Brooklyn gekommen?

Stefan Jessenberger: Über unsere US-amerikanische Vertriebseinheit steht Siemens LO3 schon seit geraumer Zeit mit unserem umfassenden Know-how in der Implementierung von Microgrid-Projekten zur Seite. Das Projekt in Brooklyn soll zeigen, wie eine kombinierte Lösung aus unserem Microgrid-Management-System und LO3’s Peer-to-Peer-Handelsplattform helfen kann, New Yorks ehrgeizige Ziele des sogenannten »Reforming the Energy Vision«-Programms zu erfüllen. Hiermit soll die Energieversorgung modernisiert, der CO2-Footprint reduziert und diese gegenüber Unwetterkatastrophen widerstandsfähiger gemacht werden.

Handelt es sich in Brooklyn um ein echtes Microgrid?

Es ist natürlich das finale Ziel, ein Microgrid aufzubauen, das bei Unwetterkatastrophen auch isoliert betrieben werden und die Grundversorgung wichtiger Einrichtungen sicher stellen kann. Hierfür braucht es aber mehrere Stufen: Im ersten Schritt geht es um den Aufbau eines virtuellen Microgrids, um zu zeigen, wie ein Peer-to-Peer-Handel auf Basis von Blockchain-Technologie auch mit einer größere Anzahl an Teilnehmern unter realen Bedingungen funktioniert.
Zudem geht es darum, in Erfahrung zu bringen, wie die Menschen auf diese neue Möglichkeit der Interaktion reagieren und das Angebot annehmen, selbst entscheiden zu können, von wem sie ihren Strom beziehen oder an wen sie ihren Strom verkaufen wollen.
Schließlich eröffnen sich durch den Blockchain-basierten Ansatz völlig neue Aspekte für die Menschen. Neben ökonomischen und ökologischen können dann auch soziale Aspekte berücksichtigt werden. So kann zum Beispiel der lokale Kindergarten gezielt begünstigt werden. Der Trend zu einer Sharing-Economy kann hiermit auch in der Energiewelt Einzug halten.

Welche weiteren Treiber gibt es für den Aufbau lokaler Handelsplattformen?

Ein besonderes Ziel besteht darin, die Energieversorgung insgesamt widerstandsfähiger gegenüber Naturkatastrophen zu machen. Nach dem Wirbelsturm Sandy im Oktober 2012 gab es großflächige Stromausfälle an der Ostküste der USA. 221.000 Kunden von Con Edison hatten damals keinen Strom. Insgesamt waren 800.000 Menschen betroffen, die über viereinhalb Tage von der Stromversorgung abgeschnitten waren. Der Peer-to-Peer-Handel bietet einen Anreiz zur Implementierung dezentraler Erzeuger und Energiespeicher. Diese Ressourcen werden im Katastrophenfall genutzt. Die Energieversorgung kann dadurch in isolierten Teilbereichen des Netzes, einzelnen Microgrids, aufrechterhalten werden.

Was ist die Aufgabe von Siemens in dem Pilotprojekt in Brooklyn?

Wir bringen hier unsere umfangreichen Erfahrungen aus Microgrid-Projekten ein. Vor allem stellen wir unser Spectrum-Power-Microgrid-Management-System (MGMS) zur Verfügung, das zunächst die Schnittstelle zum „klassischen“ Energieversorger etabliert.
Siemens unterstützt LO3 aber auch beim Aufbau der notwendigen Infrastruktur, um Haushalte, öffentliche Gebäude und Gewerbebetriebe in das virtuelle Microgrid einzubinden.
Wenn alles installiert ist, lassen sich die Energieflüsse zwischen dem virtuellen Microgrid und dem Netz des Netzbetreibers erfassen und verrechnen. Das System wird grundsätzlich in der Lage sein, in einer späteren Ausbaustufe auch einen autarken Betrieb zu ermöglichen, um aus dem virtuellen auch ein echtes physikalisches Microgrid machen zu können. Hierzu sind allerdings umfassende Abstimmungen mit den Behörden und dem Netzbetreiber erforderlich.

Für die Versorgungssicherheit ist also beim Projekt in Brooklyn nach wie vor der Netzbetreiber Con Edison zuständig?

Das ist richtig. Con Edison ist für die Versorgungssicherheit und den Netzbetrieb verantwortlich. Das für den Betrieb des virtuellen Microgrids zu etablierende Energiedienstleistungsunternehmen muss aber alle rechtlichen Belange erfüllen, so dass die Teilnehmer untereinander handeln können und zusätzlicher Bedarf oder auch Überschüsse mit dem Netzbetreiber verrechnet werden können.
Aber auch hier kann Siemens Erfahrungen aus dem Bereich des Managements der Daten von Smart Metern sowie der Integration von Energiemärkten zum Einsatz einbringen. Denn gerade die Möglichkeit der flexiblen und einfachen Interaktion mit etablierten Energiemärkten wird eine entscheidende Rolle für den Erfolg der Blockchain-Technologie spielen.