Über Energiemanagement zu Industrie 4.0

Maschinenbau darf Datenanalyse nicht den US-Firmen überlassen!

31. Mai 2016, 12:04 Uhr | Heinz Arnold
Stephan Theis
Dr. Stephan Theis, econ solutions: »Mit »Energiemanagement-Ready«-Produkten können Maschinenbauer zusätzliche attraktive Dienstleistungen anbieten. Das ist auch ein sehr wichtiges Mittel für die Kundenbindung und es ist der Zugang zu Industrie 4.0.«
© econ solutions

Wer Energiemanagement richtig einsetzt, hat den Einstieg in Industrie 4.0 geschafft – und das mit einem greifbaren Business-Case. Das erfordert überraschend wenig Aufwand, wie Dr. Stephan Theis, Geschäftsführer von Econ Solutions, im Interview mit smarterworld.de erklärt.

smarterworld.de: Die Einführung eines Energiemanagement-Systems sehen viele produzierende Firmen immer noch als lästiges Übel und Pflicht statt als Chance an. Ändert sich die Einstellung langsam?

Dr. Stephan Theis: Manche mögen es immer noch als lästige Pflicht empfinden, es spricht sich aber immer mehr herum, dass es auf die Kür ankommt. Weil hier die Chancen liegen, treibt die Kür die Unternehmen an, das Thema Energie-Management ernsthaft anzugehen – und davon zu profitieren. Denn sie merken: Nur die Pflicht alleine – also das Monitoring zu installieren – bringt nicht viel. Es kommt darauf an die nächsten Schritte zu gehen, um von den Daten, die gesammelt werden, auch zu profitieren.

Worin besteht denn die große Chance?

Eben darin die Daten zu analysieren und auszuwerten. Das ist ein erster Schritt in die Industrie-4.0-Welt – und das mit einem greifbaren Business-Case, nämlich einem kräftigen Einsparpotenzial. Was sich meist sehr schnell herausstellt: Die Erkenntnisse, die sich aus den Energiedaten gewinnen lassen, gehen weit über den Bereich der Energieeffizienz hinaus und ermöglichen so tiefe Einblicke in die Prozesse.

Bei dem hohen Einsparpotenzial wäre eigentlich zu erwarten, dass die potenziellen Kunden geradezu Schlange stehen, um solche Systeme einzuführen. Bisher hielt sich die Euphorie aber in Grenzen. Woran liegt das?

Das ist eindeutig ein Wahrnehmungsproblem beim Produktionsfaktor „Energie“. Energie steht eben immer zu 100 Prozent in guter Qualität zur Verfügung. Auf alle anderen für die Produktion relevanten Faktoren trifft dies nicht zu. Benötigte Materialien beispielsweise haben Lieferzeiten und eben auch Lieferverzug, den es bei Energie praktisch nicht gibt. Und weil Energie bisher relativ billig war, haben sich viele um die Energieeffizienz relativ wenig Sorgen gemacht, zumal man sie eben auch nicht sehen und greifen kann. Jetzt erkennen die potenziellen Anwender aber zunehmend, dass sie mit dem Energiemanagement Transparenz in die Kostenfaktoren bekommen.

Welche Energieverbräuche können die Energie-Management-Systeme von econ überwachen und analysieren?

Wir betrachten alle Medien bzw. Energieträger, also Strom, Wärme, Gas und auch Wasser sowie die energierelevanten Einflussfaktoren wie Temperaturen, Drücke und Durchflussraten. Denn es kommt vor allem darauf an, bestimmte Kennzahlen, die Energy Performance Indicators, aufstellen zu können, und dazu müssen alle Medien und die sie beeinflussenden Faktoren einbezogen werden. Das ist auch eine Anforderung der ISO50001. Diese produktionsrelevanten Indikatoren beziehen sich stets auf eine Output-Performance, also eine Art Wirkungsgrad des Energieeinsatzes und haben so den Vorteil, dass die Anwender sie sehr leicht verstehen und mit ihnen etwas anfangen können.

Viele Maschinen in der Produktion sind doch schon sehr effizient ausgelegt. Ist da überhaupt noch viel zu holen?

Das ist ein weit verbreitetes Missverständnis: Die energieeffizienten Komponenten und Maschinen nützen für sich nichts, wenn die Bediener sie nicht effizient betreiben, nur so lassen sich die potenziellen Effizienzen heben. Das ist auch eine gute Chance für die Anbieter von Maschinen: Wenn sie ihre Maschinen »Energiemanagement-Ready« machen, dann können sie auf dieser Basis zusätzliche attraktive Dienstleistungen anbieten. Das ist auch ein sehr wichtiges Mittel für die Kundenbindung und es ist der Zugang zu Industrie 4.0. Die Maschinenbauunternehmen sollten keinesfalls die Analyse der Daten und die Dienstleistungen den aufstrebenden Firmen aus den USA überlassen!

Können Maschinen verschiedener Hersteller einbezogen werden?

Selbstverständlich ist es sehr wichtig, alle Maschinen und Medien bis hin zu Druckluft und Kälteanlagen einzubinden. Unser Energieleitstand überwacht ganze Maschinenparks inkl. der Peripherie und der Querschnittstechnologien. Das System ist so ausgelegt, dass sich die Maschinen unterschiedlicher Hersteller integrieren lassen. Erst das verschafft dem Anwender den erforderlichen Mehrwert.

Bedeutet die Einführung eines Energie-Management-Systems einen Eingriff in die Produktion?

Im ersten Schritt kommt es darauf an, die Transparenz herzustellen. Das  bedeutet keinen Eingriff in die Produktion, weder in die Produktion der Maschinenbauer noch in die Produktion der Anwender dieser Maschinen. Und um ein anderes Vorurteil gleich aus dem Weg zu räumen: Um energieeffizient zu sein, müssen die Maschinen nicht abgestellt werden! Transparenz führt vielmehr dazu, belastbare Daten zu sammeln und wichtige Informationen, etwa über Stand-by-Zeiten zu bekommen. Da kann sich natürlich auch mal jemand auf die Füße getreten fühlen, wenn sich herausstellen sollte, dass bisher mit der Energie nicht optimal umgegangen wurde. Niemand lässt sich gerne Verschwendung nachsagen. Aber das ist gerade der Fehler: Bisher haben die Firmen eben wenig auf Energieeffizienz geachtet. Es darf nicht darum gehen, jemanden Fehler in die Schuhe schieben zu wollen, sondern um die Chance, die Dinge jetzt zu verbessern. Und dazu auch noch den Einstieg in Industrie 4.0 zu nehmen! Es ist unsere Aufgabe, das zu ermöglichen.

Wenn ein Hersteller aus dem Maschinen- und Anlagenbau ein Energie-Management-System einführt – wie lange dauert es denn, bis er mit der Amortisierung seines Aufwands rechnen kann?

Nach unseren Erfahrungen ist das in spätestens zwölf Monaten geschafft. Ich würde dies allerdings nicht nur auf den Hersteller der Maschinen und Anlagen beschränken, sondern seine Kunden ebenfalls mit diesem Richtwert einbeziehen.

Wie hoch liegen denn die Investitionen?

Mit dieser Frage haben wir uns intensiv beschäftigt und bei unseren Kunden nachgefragt. Dabei hat sich herausgestellt, dass Unternehmen zwischen 1 und 3 Prozent ihrer Energiekosten investieren. Und dafür bekommen sie stets ein schlagkräftiges System für Energietransparenz. Wenn schon relativ viel Messtechnik installiert ist und sie nur noch zusammen geführt werden muss, liegt die Investition eher am unteren Ende. Wenn wenig Messtechnik vorhanden ist, eher am oberen Ende. Grundsätzlich muss ein Unternehmen aber meist viel weniger investieren als zunächst gedacht, um schon in kurzer Zeit zu signifikanten Einsparungen zu kommen. Das überzeugt jetzt viele Geschäftsführer.


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