Editorial: Spannende Welt der Standards

Warum es sich lohnt, die Standardisierung rund um Blockchain-Techniken, IoT und Industrie 4.0 nicht nur zu verfolgen sondern aktiv daran mitzuwirken.

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Heinz Arnold

Editor-at-Large • HArnold@markt-technik.de

Ein Vortrag auf dem „2. Markt&Technik Blockchain Summit powered by NürnbergMesse“ ließ mich aufhorchen: »Standards brauchen Zeit, aber sie setzen Trends; es lohnt sich, auch einmal abzuwarten«, sagte dort ein Standardisierungsexperte.

Stach er im Kreise der IoT- und Industrie-4.0-Experten damit nicht direkt ins Wespennest? In einer Industrie, in der es darum geht, schnell umzusetzen oder unterzugehen? Zu meiner Überraschung erklärten selbst die Chefs agiler Startups, dass es sich durchaus auch in der schnelllebigen IoT-Welt lohne, an Standardisierungsprozessen mitzuwirken.

Standardisierung ist eben nicht das langweilige Bürokratiethema, für das es viele fälschlicherweise halten. Da ist ein Blick in die Vergangenheit hilfreich: Vielleicht haben Sie auch schon davon gehört, dass nichts den Welthandel mehr beflügelt hat als die Standardisierung großer Kisten: Der Standard-Container hat dazu geführt, dass der globale Transport praktisch nichts mehr kostet. Ein weiteres Beispiel: Henry Ford schaffte den Durchbruch nicht wegen der Erfindung des Fließbandes, sondern wegen der Standardisierung innerhalb der Zulieferindustrie. Ohne Standards keine Fließbänder, ohne Fließbänder keine Massenfertigung. Ganz entscheidend war die Standardisierung der Schraubengewinde, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einsetzte.

Na gut – aber sind Standardisierungen nicht auch deshalb langweilig, weil irgendwann (meist zu spät) irgendwelche Bürokraten die entsprechenden Regularien festlegen, nicht immer aus rein technischen Gesichtspunkten und nicht immer ohne protektionistische Hintergedanken?

Eben bei Weitem nicht immer, wie JoAnne Yates und Craig N. Murphy in ihrem Buch mit dem zugegebenermaßen auch nicht gerade fetzigen Titel „Engineering Rules: Global Standard Setting since 1880“ erklären. Eine Erkenntnis: Standards kommen meist nicht durch staatliche Maßnahmen zustande. Meist initiieren sie Ingenieure, die sich in Verbänden organisieren – nicht in staatlichen Gremien. Und bei Weitem nicht nur aus Eigeninteresse, sondern durchaus in Hinblick auf das Gemeinwohl. Historisch gesehen startete die Standardisierung zuerst auf nationaler Ebene, doch schon bald schloss sich die zweite Welle an: Die Standardisierung internationalisierte sich, vor allem vorangetrieben durch den britischen Ingenieur Charles le Maistre. Die dritte Welle setzte ein, als Tim Berners-Lee die W3C-Standards für das Internet vorantrieb.

Das Fazit: Weder Staaten setzen Standards ausschließlich alleine noch Firmen (obwohl sie sich viel Mühe geben), sondern vor allem Ingenieure, und das grenzüberschreitend. Standardisierungen sind nicht allein aus kurzfristig orientiertem Gewinnstreben zu erklären (obwohl oft von Firmen ausgehend, die genau diese Strategie verfolgen müssen), weder stecken allein die Ökonomie noch blanke Machtinteressen dahinter. Also „Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“? Mehr darüber zu erfahren, wie Standards im Spannungsfeld zwischen Regierungen und Wirtschaftsunternehmen zustande kommen, wäre doch eine interessante Urlaubslektüre!