Fertigungsdigitalisierung in der Praxis

Die Testfabrik als digitale Spielwiese


Fortsetzung des Artikels von Teil 1

Business Case Design am eigenen Beispiel

Praxistransfer und Hands-on-Charakter machen den besonderen Mehrwert digitaler Testfabriken aus. Flankiert von Technologiepartnern wie Microsoft und Intel sowie Startups wie Actyx oder Neewee für Apps und IIoT-Plattformen will das DCC Aachen insbesondere Wissen vermitteln. »Technik ist wichtig, aber ohne das notwendige Know-how und neue Denkweisen klappt keine Initiative zur Digitalisierung. Die Profitabilität und das Mindset sind ausschlaggebend«, beschreibt Jochen Nelles, warum es neben Kameras, Sensoren und Dashboards auch auf Design Thinking und Change Management ankommt. Dies gilt insbesondere für die effektive Nutzung von Daten und den Einsatz von KI, womit die wenigsten Mittelständler bisher konkrete Erfahrung haben. »Dashboards sind klasse, aber was mache ich damit? Den analytischen Ansatz, das Lesen der Daten, müssen Firmen lernen. Rein operativ zum Reagieren am Shopfloor und erst recht, wenn es um neue, digitale Geschäftsmodelle geht.«

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Digitalisierung IIoT Testbed Testfabrik Digital Cloud Industrie 4.0
Der Test-Shopfloor des DCC Aachen kann in rund 90 Minuten von Lean-optimiert auf ‚digital und smart‘ umgebaut werden und so realitätsgetreu alle Prozessschritte von analog zu digital vorführen.
© Weka (uh)

Das Angebot des DCC reicht von einem Tag „Management Awareness“ hinsichtlich Business-, Technologie- und Organisationsaspekten bis zu achtwöchigen Intensivkursen „Industrial AI“. Firmen können sich neben Präsenz- und Remote Workshops auch längerfristige Hilfe in die eigene Maschinenhalle holen. Das Wissen soll sich über ein „Train the Trainer“-Konzept im Unternehmen verbreiten. Die Mischung aus Workshops, Online-Aufgaben, der praktischen Anwendung im Feld und die Überprüfung durch die DCC-Berater zeigt für Jochen Nelles exemplarisch: »Digitalisierung ist ein Teamsport, auf dem Shopfloor kommt alles zusammen. OT, IT und Werker müssen an einem Strang ziehen.« Die DCC-Mitarbeiter helfen, die Praxis muss aber von den Firmen selbst gestemmt werden.

Digitale Förderung und Kooperation

Matthias Lütkemeier von EPL aus Dresden setzte für den Start seiner Fertigungsdigitalisierung auf eine Hochschul-Kooperation. In der örtlichen Zeitung stieß er auf einen Bericht zum IIoT Test Bed der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Dresden. »Ich habe dann zunächst allein an einer kostenlosen, öffentlichen Führung teilgenommen und anschließend mit einer größeren Gruppe von EPL-Produktionsverantwortlichen einen individuellen Workshop in der Modellfabrik gebucht.« Die 250 m2 umfassende Testumgebung bildet einen diskreten Fertigungsprozess mit allen typischen Industriekomponenten sowie Fertigungs- und Logistikprozessen nach.

»Wir bieten unseren Partnern aus der Industrie mit dem IIoT Testbed den Blick über den Tellerrand», sagt dessen Leiter Prof. Dr. rer.pol. Dirk Reichelt. »Damit erleichtert unserer Testbed den Einstieg in das Thema Industrie 4.0, insbesondere für KMU.« Bei EPL hat das gut geklappt. Der Dresdner Fertiger erprobt und plant derzeit mehrere Digitalisierungsprojekte, u. a. für die End-of-Line-Optimierung mit den im Eingangsbeispiel erwähnten intelligenten Kameras. Der Vorteil der FH-Kooperation liegt für Lütkemeier insbesondere darin, dass EPL Zugriff auf neue Inhalte und externe Expertise bekommt, die im heutigen Studium ganz selbstverständlich vermittelt werden, wie etwa neue Programmiersprachen. »Wir sehen, was heute möglich ist.«

Digitale Testfabriken als Einstieg

Auch an einfache KI-Themen hat sich der mittelständische Fertiger bereits getraut. »Für unsere Einkaufs- und Verbrauchsentscheidungen schauen wir gerade, welche neuen Aussagen vorhandene Daten liefern können. Mithilfe eines HTW-Mitarbeiters arbeiten wir an einer Zeitreihen-Simulation, welche die ERP-Prognosen und die Ist-Verbräuche unter den jeweiligen Produktionsbedingungen analysiert und damit eine KI trainiert. Die Zahlen sind sehr vielversprechend.« EPL-Geschäftsführer Lütkemeier denkt bereits an weitere Industrie-4.0-Projekte, auch mit anderen Entwicklungspartnern. Die digitale Testfabrik und die Hochschulkooperation mit der HTW Dresden haben seine Fertigungsdigitalisierung auf den richtigen Weg gebracht. (uh)


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