Industrie 4.0 und Internet of Things

Digitale Goldgräberstimmung

19. Juli 2016, 15:49 Uhr | Karin Zühlke

Fortsetzung des Artikels von Teil 1

Mittelstand lernt vom Mittelstand

Zollner
Johann Weber, Zollner »Wer Industrie 4.0 verschläft, hat vielleicht morgen kein Unternehmen mehr.«
© Zollner

Gleichzeitig soll es – besonders für Mittelständler – die Möglichkeit geben, Szenarien mithilfe von bestehenden Testinstallationen auszuprobieren und den Kundennutzen zu erproben. »Wir brauchen den Bezug zum Shop Floor«, unterstreicht Wanka. Zu diesem Zweck hat sich ebenfalls zum IT-Gipfel das „Labs Network Industrie 4.0“ gegründet. Es besteht aus den Unternehmen Siemens, SAP, Hewlett-Packard Enterprise, Giesecke & Devrient, Deutsche Telekom und Festo und den Verbänden Bitkom, VDMA und ZVEI. Das Netzwerk soll als Erstanlaufstelle den deutschen Mittelstand bei Fragen zur Entwicklung von Industrie-4.0-Projekten beraten und den internationalen Austausch darüber fördern. Dafür will der Verein ein Netzwerk an Testinstallationen schaffen. Darüber hinaus hilft der Verein mittelständischen Unternehmen, Testszenarien zu spezifizieren und die passende Testumgebung für ihre jeweiligen Anforderungen zu finden. Ein erstes Projekt, das die Synergien zwischen den Testfeldern nutzt, ist die Kooperation der „SmartFactory KL“ in Kaiserlautern und dem „Smart Data Innovation Lab“ in Karlsruhe. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit wird dort ein neuer Ansatz zur proaktiven Wartung von Produktionsanlagen erprobt. Das „Labs Network Industrie 4.0“ dokumentiert diese Aktivitäten und unterstützt bei Bedarf die Veröffentlichung von erzielten Ergebnissen. Ein besonderes Augenmerk soll dabei auf Beiträgen zur Standardisierung liegen, die in die Normungsgremien einfließen können.

Besonders um den Mittelstand kümmert sich zum Beispiel auch das regionale Spitzencluster „It’s OWL – Ostwestfalen-Lippe“: Vor allem die Firmen aus dem Maschinen- und Anlagenbau haben es mit zwei Fragestellungen zu tun: Welche Bedeutung hat die Digitalisierung für meine Produkte und Dienstleistungen? Und wie verändern sich die Produktionsprozesse aufgrund der digitalen Transformation? »Zu beiden Fragen bieten wir mit unserem Netzwerk die Möglichkeit, sich zu informieren, sich mit anderen Unternehmen auszutauschen und neue Lösungen zu erarbeiten. Im Maschinen- und Anlagenbau haben wir zudem die Situation, dass die meisten Unternehmen nicht in Konkurrenz zueinander stehen, sondern Nischen bedienen können und daher auch sehr offen sind für einen Austausch. Andere Firmen aus der Automatisierung machen wiederum mit, weil sie durch eine Zusammenarbeit im vorwettbewerblichen Bereich Synergien nutzen können«, erklärt Dr. Roman Dumitrescu, Geschäftsführer Strategie, Forschung und Entwicklung von it’s OWL. »So können sie beispielweise auf Basistechnologien in den Bereichen intelligente Vernetzung oder Systems Engineering zugreifen. Durch die Zusammenarbeit entlang der ganzen Wertschöpfungskette können sie das Netzwerk zudem nutzen, um Lösungen für Industrie 4.0 zu entwickeln.«

Big Data sind Key-Enabler
der digitalen Transformation

Solche Lösungen sind kein Selbstzweck, und daher ist es oft noch sehr schwierig für die Unternehmen, ein passendes Geschäftsmodell a la Industrie 4.0 zu adaptieren: Wie die Transformation für Unternehmen gelingen kann, dieser Frage geht auch das Forschungsprojekt „Neue Produkte in der digitalen Welt“ des Münchner Kreises, ein Zusammenschluss von Industrievertretern und der Heinz Nixdorf Stiftung, auf den Grund. Das Projekt wird entwickelt von einem Team um Professor Michael Dowling, Inhaber des Lehrstuhls für Innovations- und Technolgiemanagement an der Universität Regensburg. Es soll Unternehmen mit konkreten Handlungsempfehlungen auf ihrem Weg in die digitale Transformation unterstützen.

Aus dem Nichts tauchen Unternehmen auf, die plötzlich ganze Branchen ins Wanken bringen, wie kann das sein? »In Zeiten der so genannten Ökonomie der Plattformen können Geschäftsmodelle beinahe endlos skalieren«, schildert Ulrich Dietz, CEO von GFT Technologies. Was meint er damit? Einige der größten Telekommunikationsunternehmen besitzen praktisch keine Telekommunikationsinfrastruktur – zum Beispiel Skype und WeChat. – Alibaba, in Asien schon einer der größten Online-Handelsplattformen, die kürzlich auch in Deutschland an den Start ging, betreibt keinerlei Lagerhaltung. Und die weltweit größten Softwarehändler schreiben selber nur wenige der verkauften Programme. Gemeint sind Google und Apple.

»Diese Plattformen bündeln Angebote, werten Daten über Big-Data-Analysen intelligent aus und nutzen teils auch die Macht der Sharing Economy für sich, während wir in Deutschland noch über die Maxime der Datensparsamkeit diskutieren«, gibt Dietz zu bedenken. Wer sich nicht rechtzeitig auf die neue Welt einstellt, könnte am Ende das Nachsehen haben, weil ein anderes Unternehmen in der Lieferkette seinen Platz eingenommen hat. Unternehmen sind also gut beraten, die Rolle solcher Plattformen in ihrer Wertschöpfungskette zu prüfen und ihre eigene Stellung kritisch zu hinterfragen, rät Prof. Dowling.


  1. Digitale Goldgräberstimmung
  2. Mittelstand lernt vom Mittelstand
  3. Selbstkannibalisierung als Option
  4. John Deere / IBM: Traktorfertigung 4.0

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