Bachelorarbeit an der TU München

Das Ingenieurstudium hat ein Imageproblem

04. August 2020, 11:33 Uhr   |  Corinne Schindlbeck

Das Ingenieurstudium hat ein Imageproblem
© Beckerfilms

„Design einer kreativen Kampagne für Ingenieurberufe“ - so lautet der Titel der wissenschaftlichen Arbeit, die Julian Becker bei Prof. Dr.-Ing. Klaus Diepold am Lehrstuhl für Datenverarbeitung an der TU München geschrieben hat.

Warum erscheint der Ingenieurberuf vielen jungen Menschen außerhalb unserer Blase derart dröge, dass sie sich lieber in Jura oder BWL einschreiben? Und kann man das ändern? Das hat Julian Becker in einer Bachelor-Arbeit am Lehrstuhl für Datenverarbeitung an der TU München untersucht.

Wie passt das zusammen: Einerseits bilden Ingenieure das Rückgrat der Industrie und sind, wie wir wissen, der Motor für Top-Themen wie Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Und auf der anderen Seite wählen Abiturienten lieber vermeintlich attraktivere Studiengänge wie BWL und Jura. »Ist der Ingenieurberuf wirklich so unattraktiv oder hat er schlicht und ergreifend ein Imageproblem?«, fragt Becker in der Einführung zu seiner Bachelor-Arbeit und geht der Frage in der Folge nach.

Vor allem Jugendliche assoziieren demnach Begriffe wie „schwer, einseitig, altbacken und abstrakt“, wenn sie den Beruf des Ingenieurs beschreiben sollen. Da verwundert es nicht, dass die Anfängerzahlen in den letzten fünf Jahren sogar zurückgegangen sind – will man so etwas wirklich studieren? Offenbar ist der Ingenieurberuf für viele eine Art Black Box: Die meisten Menschen haben »nur eine sehr diffuse Vorstellung davon, was ein Ingenieur (…) überhaupt macht«, schreibt Becker in seiner Analyse des aktuellen Forschungsstandes zum Berufsbild, in der er unter anderem eine »hohe Abstraktheit des Ingenieurberufs« feststellt: »Ein Drittel der Kinder im Alter von 12 bis 16 Jahren geht (…) davon aus, dass die Tätigkeit eines Elektroingenieurs darin bestehe, Deckenlampen anzubringen.«

Von denen, die es angesichts solcher Info-Desaster dennoch in einen Ingenieurstudiengang zieht, brechen über die Hälfte (53 Prozent) ihr Studium in Elektrotechnik oder Maschinenbau wieder ab. Offensichtlich »sind die Anforderungen unerwartet« hoch, viele Studierende »überfordert«, zitiert Becker aus aktuellen Forschungsarbeiten. Umso bedauerlicher, weil das Arbeitsleben dann in der Folge diejenigen, die durchgehalten haben, mit einem Praxisschock überrascht: Nur 10 bis 20 Prozent des Lehrstoffes würden später im Berufsalltag für die jeweilige Tätigkeit benötigt, schätzten die Teilnehmer einer Umfrage, die Becker zur Begründung heranzieht. Klar, dass da laut Becker »viele hinterfragen, warum sie im Studium so schwierige Themen überhaupt lernen mussten«.

MINT-Berufe bieten aussichtsreiche Chancen für das Berufsleben – dann muss es folglich am Image liegen, dass die Studiengänge trotzdem nicht gewählt werden? Gibt es diesen Zusammenhang? Das war ebenfalls Teil von Beckers Arbeit. Tatsächlich zieht Becker Forschungsarbeiten heran, die »fehlende intrinsische Motivation« der Jugendlichen als Hindernis feststellen. Was nachvollziehbar erscheint: Warum sollte man sich das schwere Studium antun, um am Ende nur Deckenlampen anzuschrauben?
Eine Imagekampagne als Lösung des Problems setzt allerdings eine Kausalität zwischen Image eines Berufes und der Berufswahl voraus, die Becker in seiner Arbeit erst untersuchte. Und bestätigt hat. Seine Schlussfolgerung: »Das Image von Ingenieurberufen zahlt auf die Problematik des Fachkräftemangels ein.« Ein verbessertes, in Wahrheit realitätsnahes Image könne zu mehr Ingenieuren am Arbeitsmarkt führen, weil sich im Vorfeld mehr Jugendliche angesprochen fühlen und mit realistischeren Erwartungen das Studium beginnen – und dann auch eher durchhalten.

Beckers erstes Zwischenfazit auf Seite 20 der insgesamt 88 Seiten umfassenden Arbeit: Die Komplexität scheint ein Hindernis zu sein. »Die Tatsache, dass es oft unklar ist, was Ingenieure machen, und sich viele in der von den Medien porträtierten Rolle selbst nicht wiederfinden, wirkt abschreckend.« Gerade in Kombination mit der eigenen Selbsteinschätzung sei das Image ein wichtiger Entscheidungsfaktor für die eigene berufliche Laufbahn. Becker leitet daraus ab, »dass eine Imagekampagne nötig ist und einen wertvollen Beitrag zur Bekämpfung des Fachkräftemangels leisten kann.«

Im zweiten Teil der Arbeit zeigt Becker Handlungsempfehlungen auf, wie man das Bild des Ingenieurberufs gerade rücken und Kampagnen entwickeln kann, die Jugendliche emotional ansprechen. Es gelte herauszustellen, wie kreativ, kommunikativ und abwechslungsreich der Ingenieurberuf »in Wahrheit sei«, vorzugsweise über den von Jugendlichen meistgenutzten Kanal: Video. Display- und Video Advertising würden aktuell aber nur von 9 Prozent der Unternehmen genutzt. Das liege laut Becker »möglicherweise (…) daran, dass es auch die aufwändigste Art der Produktion von Inhalten ist«.

Beckers Fazit am Schluss: »Die Ergebnisse meiner Forschung zeigen die mögliche Gestaltung einer Imagekampagne für Ingenieurberufe und welche positiven Wirkungen diese erzielen kann. (…) Die teilweise mit negativen Assoziationen behaftete Wahrnehmung in der Gesellschaft wird der tatsächlicher Ausprägung des Ingenieurberufes nicht gerecht. (…) Wer an dieser Stelle Vermittlungsarbeit leistet und die Attraktivität von Ingenieurberufen mithilfe einer Imagekampagne präsentiert, kann langfristig das vorherrschende Bild in der Gesellschaft verbessern. (…) Es empfiehlt sich transparent, mutig und authentisch darüber zu kommunizieren, was der Ingenieurberuf bietet, (um) vorherrschende Falschannahmen über die Ausprägungen des Berufsbildes zu korrigieren und weitere positive Aspekte des Ingenieurberufs zu präsentieren.«

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