Interview

»Erneuerbare Energien beflügeln das Geschäft«

14. September 2020, 09:05 Uhr   |  Corinna Puhlmann-Hespen

»Erneuerbare Energien beflügeln das Geschäft«
© Zettler electronics

Antje Jakesch: »Wir sind in der Lage – und auch bereit dazu – auf Kundenwünsche flexibel zu reagieren. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass wir selbst bei kleineren Stückzahlen ab 50.000 oder 100.000 Stück auf individuelle Kundenanforderungen eingehen.«

Antje Jakesch, Geschäftsführerin von Zettler electronics, blickt positiv in die nahe Zukunft. Ihr Unternehmen konnte von Anfang Januar bis Ende August 2020 den besten Auftragseingang seit Jahren verzeichnen.

Frage: Welche Erwartungen haben Sie an das Geschäftsjahr 2020?

Antje Jakesch: In den letzten fünf Jahren konnte Zettler electronics den Umsatz um rund 50 Prozent steigern. Selbst im ersten Halbjahr 2020 lag der Auftragseinfang nochmals über den Vorjahren. Deshalb blicke ich trotz der aktuellen Situation um Codiv-19 recht positiv in die nahe Zukunft. Ich kann definitiv sagen, dass mit dem Ausbruch der Pandemie das Geschäft nicht plötzlich zum Erliegen gekommen ist. Der Bedarf nach elektromechanischen Relais ist nahezu ungebrochen vorhanden. Natürlich führen wir aktuell Risikoabfragen durch und beobachten den Markt sehr genau und teils auch mit Sorge, etwa hinsichtlich möglicher Insolvenzen. Aktuell deutet aber vieles darauf hin, dass wir das laufende Geschäftsjahr annähernd auf Vorjahresniveau abschließen können.

Bereits in den Vorjahren ist Zettler electronics überdurchschnittlich stark gewachsen. Woher kommt dieses Wachstum? Und worauf führen Sie die aktuell stabile Geschäftsentwicklung zurück?

Wir sind als Hersteller von Relais, Schaltnetzteilen und TFT-Displays sehr breit aufgestellt, so dass unsere Kunden aus ganz unterschiedlichen Branchen kommen. Als besonderen Wachstumsmarkt hervorheben will ich aber ganz klar den gesamten Bereich der Erneuerbaren Energien. Als Relais-Hersteller haben wir sehr früh in diesen Markt investiert und gemeinsam mit Kunden etliche Entwicklungen angestoßen – obwohl die Stückzahlen zu Beginn eher gering waren. Heute befinden wir uns dadurch in einer sehr guten Position.

Außerdem haben wir in den letzten hitzigen zwei Jahren, als viele Hersteller auf die steigende Nachfrage am Relais-Markt nur noch reagiert haben, vorausschauend agiert und aktiv neue Projekte gesucht und angestoßen. Das kommt uns jetzt natürlich besonders zu Gute.

Wenn Sie vom Bereich der Erneuerbaren Energien sprechen, meinen Sie damit vor allem die Ladeinfrastruktur für Elektroautos?

Es handelt sich sowohl um den Markt für Solarwechselrichter als auch um die angesprochene Ladeinfrastruktur. Unsere Relais kommen nicht nur in den großen Ladesäulen zum Einsatz, sondern insbesondere in Wallboxen, Ladekabeln und auch in Onboard-Chargern. Hier besteht seit ein bis zwei Jahren eine enorme Nachfrage, die wir zum Beispiel mit unseren bewährten Relais der Serien AZSR250 und AZSR131 bedienen sowie den neuen Serien AZEV116 und AZEV132, ausgeführt als 16-A-Variante bzw. 32-A-Variante. Diese Relais eignen sich für die verschärften Anforderungen beim Laden von Elektrofahrzeugen nach Mode 2. Die Ladebetriebsart 2 unterscheidet sich im Wesentlichen zur Ladebetriebsart 1 (Anm. der Redaktion: Haushaltssteckdose, entweder einphasig oder dreiphasig) durch höhere Ströme und dadurch, dass bereits eine Steuer- und Schutzausrüstung im Ladekabel integriert sind. Man spricht auch vom In-Cable Control and Protection Device. Dieses IC-CPD schützt bei Isolationsfehlern vor elektrischen Gefahren und ist in der IEC 62752 definiert.

Was sind die besonderen Herausforderungen bei der Relais-Entwicklung für die Ladeinfrastruktur?

Insgesamt sind die technischen Herausforderungen schon sehr hoch: Mit der Baureihe AZEV 132 ist es uns zum Beispiel als erstem Unternehmen gelungen, ein Relais auf den Markt zu bringen, das die normativen Anforderungen nach einer Kurzschlussstromfestigkeit von 1500 A erfüllt, gemäß IEC 62752. Vor einigen Jahren lag das beinahe noch außerhalb der Vorstellungskraft! Gleichzeitig sind die Relais sehr kompakt aufgebaut, so dass sie sich insbesondere für auf Design hin optimierte Ladekabel eignen. Sie bieten neben der hohen Kurzschlussfestigkeit einen Monitorkontakt, um ein Verschweißen der Kontakte im Fehlerfall zu signalisieren. Zudem haben sie einen großen Kontaktabstand von ≥ 2,25 mm und eine Lebensdauer von 50.000 Schaltzyklen bei 85 °C.

Aber auch bei Wechselrichtern für Photovoltaikanlagen sind die Anforderungen in den letzten Jahren enorm gestiegen. Hier ist zum Teil eine Stromfestigkeit über 200 A gefordert. Dadurch ist zum Beispiel die Wärmeentwicklung auf der Leiterplatte eine große Herausforderung, der wir mit Relais begegnen, die über ein eigenes wärmetechnisches Konzept verfügen.

Was sind aus Ihrer Sicht die aktuell wichtigen technischen Trends am Relais-Markt?

Zettler-Relais gibt es bereits seit über 140 Jahren und ich glaube, elektromechanische Relais werden auch in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten nicht zu ersetzen sein. Die berühmte galvanische Trennung ist weiterhin gefordert, weshalb Halbleiter in vielen Bereichen kein adäquater Ersatz sind – auch in Zukunft nicht. Insgesamt steigt der Bedarf nach sehr leistungsstarken Relais weiter an. Diesbezüglich laufen auch viele Entwicklungsaktivitäten. Die Miniaturisierung wird aus meiner Sicht dagegen künftig eher eine untergeordnete Rolle spielen. Denn Hersteller von die elektromechanischen Relais haben in punkto Miniaturisierung mittlerweile eine physikalische Grenze erreicht, die sich nicht mehr oder nur noch mit extrem großer Anstrengung überwinden lässt.

Und welche Herausforderungen gibt es von Seiten des Marktes? Trifft es auch auf die Relais-Branche zu, dass das Geschäft immer schnelllebiger wird?

Definitiv! Das Geschäft ist in den letzten Jahren viel dynamischer geworden, zum Beispiel wechseln sich Zyklen von Überangebot und Allokation viel schneller ab. Das ist auch die große Herausforderung für die Relais-Hersteller, hier sehr flexibel zu bleiben. Und es ist tatsächlich auch die große Stärke von Zettler electronics. Wir treffen Entscheidungen sehr schnell. Und wir sind in der Lage – und auch bereit dazu – auf Kundenwünsche flexibel zu reagieren. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass wir selbst bei kleineren Stückzahlen ab 50.000 oder 100.000 Stück auf individuelle Kundenanforderungen eingehen.

Selbst während des Ausbruchs von Covid-19 konnten wir unser Geschäft nahezu vollständig aufrechterhalten und mussten keine Lieferungen absagen. Hier haben wir uns eng mit unseren Kunden abgestimmt und es kam uns sehr entgegen, dass wir Relais sowohl aus chinesischer als auch europäischer Fertigung liefern.

Das Interview führte Corinna Puhlmann-Hespen

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