Infineon zur EU-Foundry

»Eine 2-nm-Fab kann nicht alleinige Lösung sein!«

18. Mai 2021, 06:59 Uhr   |  Heinz Arnold

»Eine 2-nm-Fab kann nicht alleinige Lösung sein!«
© Infineon

Rutger Wijburg, Leiter der Frontendfertigung weltweit von Infineon: »Wir sehen durchaus Tendenzen zu stärkerer Regionalität, denen wir uns nicht verschließen können. Der Aufbau einer Foundry kann aber nicht isoliert gesehen werden, sondern schließt auch die Entwicklung des gesamten Ökosystems mit ein.«

»Europa braucht das Design für neue Produkte und einige Kunden vor Ort. Dieses Ökosystem muss gestärkt werden«, erklärt Rutger Wijburg von Infineon. Erst dann sei es sinnvoll, eine Fertigung in Europa anzusiedeln.

Markt&Technik: Um Europa zu stärken, schlägt EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton vor, eine europäische 2-nm-Foundry aufzubauen. Ist dies aus der Sicht von Infineon sinnvoll?

Rutger Wijburg, Leiter der Frontendfertigung weltweit von Infineon: Die Fertigungskapazitäten in Europa sollten ausgebaut werden. Wir sollten uns jedoch darüber im Klaren sein, dass eine europäische 2-nm Fab nicht die alleinige Lösung darstellt. Die Pläne von EU-Kommissar Breton, die wir durchaus begrüßen, sind langfristig. Sie sehen Investitionen in einem Zeitraum von mindestens zehn Jahren vor.

Worauf käme es jetzt an?

Heutige globale Lieferengpässe betreffen eher die Strukturgrößen um 40 nm und auch zunehmend die mit Hilfe von CMOS-Prozessen gefertigten analogen ICs auf 200-mm-Wafern. In Anbetracht der Märkte, die die in Europa ansässigen Unternehmen heute adressieren, bedeutet dies eine Erhöhung der Kapazitäten von 40- auf 12-nm-Technologieknoten. Technologieknoten im Bereich von 90 bis 22 nm spielen eine wichtige Rolle und werden von der europäischen Downstream-Industrie und darüber hinaus stark nachgefragt. Wichtig für Europa ist es vor allem, seine Stärken weiter auszubauen, um auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben. Innovation und Kompetenz auf Weltniveau sichern wechselseitige Abhängigkeiten und damit eine faire Zusammenarbeit in einer globalen Industrie.

Wo liegen die Stärken Europas?

Europäische Halbleiterfirmen folgen dem Prinzip »More than Moore«, das heißt sie differenzieren sich nicht über die kleinstmöglichen Leiterbahnen, sondern haben Halbleiter-Know-How mit dem Fokus auf Leistungselektronik, Energieeffizienz, Sicherheit, Sensorik etc. aufgebaut. Darin halten europäische Unternehmen führende Marktpositionen. Und diese Lösungen spielen eine wichtige Rolle für die Industrie, den Automobil- oder Energiesektor. Darüber hinaus haben wir in Europa mit Firmen wie ASML, Trumpf und Zeiss Weltmarktführer in puncto EUV-Lithografie und Optik. Das sind wichtige technologische Trümpfe, die es zu bewahren gilt.

Hätte es Aussicht auf Erfolg, auf der grünen Wiese eine Fab aufzubauen, die TSMC und Samsung Konkurrenz machen soll? Ist das Know-how hier dazu vorahnden oder ließe sich schnell aufbauen?

Aus unserer Sicht ist es sinnvoll, hier mit den international führenden Unternehmen zu kooperieren. Die USA haben es vorgemacht. TSMC und Samsung bauen oder erweitern dort Werke.  Europa ist vor Jahren aus dem Rennen um »Moore’s Law« ausgestiegen. Dieses Know-how lässt sich nicht über Nacht wieder aufbauen. Und insbesondere können keine Technologieknoten übersprungen werden.

TSMC und Samsung haben bereits Pläne, in den USA Fabs zu errichten. Dort sitzen auch viele Firmen, die Chips mit 7 nm und darunter designen. Wenn in Europa eine solche Foundry gebaut würde, würde das dazu führen, dass solche Firmen auch in Europa entstünden?

Umgekehrt wird ein Schuh daraus! Zunächst braucht Europa das Design für neue Produkte, mit denen neue Märkte adressiert werden sollen. Und einige der Kunden sollten in Europa sitzen. Dieses Ökosystem muss in Europa gestärkt werden. Und erst dann wäre es sinnvoll, Fertigung in Europa anzusiedeln.

Generell ergibt ein losgelöstes Blockdenken aus unserer Sicht in einer vielfach verbundenen multilateralen Wirtschaftswelt wenig Sinn. Skaleneffekte sind in der Halbleiterindustrie entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit, daher werden Produkte und Technologien weltweit eingesetzt. Die Unternehmen in der EU arbeiten auf einem Weltmarkt mit anderen Markteilnehmern zusammen.

Wir sehen aber durchaus Tendenzen zu stärkerer Regionalität, denen wir uns nicht verschließen können. Der Aufbau einer Foundry kann nicht isoliert gesehen werden, sondern schließt auch die Entwicklung des gesamten Ökosystems mit ein.   

Anstatt das Geld in eine 2-nm-Fab zu stecken, wäre es also besser, es in die Sektoren zu stecken, die der europäischen Halbleiterindustrie eher helfen würden, das 20-Prozent-Ziel zu erreichen?

Hier ist ein ganzheitlicher, mehrdimensionaler Ansatz wichtig. Wir brauchen eine Strategie über die nächsten 10 bis15 Jahre. Wie oben bereits gesagt, Europa muss seine Stärken weiter ausbauen und sich an den Bedürfnissen des Marktes orientieren. 6G oder künstliche Intelligenz sind dabei wichtige Themenfelder, die allerdings hohe Investitionen erfordern. Das, was hier benötigt wird, geht über das hinaus, was ein Unternehmen alleine entscheiden und leisten kann. Daher muss Europa insgesamt Initiative zeigen. Dafür braucht es den politischen Willen. Europa ist traditionell stark in der Entwicklung neuer Technologien, diese werden aber häufig außerhalb Europas produziert und auf den Markt gebracht.

Wie kann Europa die technische Souveränität erlangen?

Die Förderung der technologischen Souveränität Europas erfordert geeignete Instrumente, um politische Unterstützung, Ressourcen und Know-how zu kanalisieren. Von allen in Europa verfügbaren Instrumenten hat IPCEI (Important Project of Common European Interest) die stärkste unmittelbare Wirkung, da es erhebliche private und öffentliche Investitionen in F&E und den ersten industriellen Einsatz kombiniert. Mit dem ersten, im Dezember 2018 notifizierten, IPCEI Mikroelektronik (IPCEI ME 1) wurde der erste Schritt getan. Fertigungskapazitäten bei der Halbleiterproduktion wurden erweitert, neue Arbeitsplätze wurden geschaffen und neue Märkte können adressiert werden.

Wie geht es mit IPCEI weiter?

Durch die geplante nächste Phase „IPCEI Mikroelektronik und Kommunikationstechnologien“ können europäische Unternehmen ihre Stärken weiter ausbauen, aber auch neue Kompetenzen erarbeiten. Wichtig hierbei ist ein einheitliches Vorgehen der EU-Kommission und der Mitgliedstaaten bei der Umsetzung, damit den europäischen Unternehmen diese Mittel schnell zur Verfügung stehen und zügig genutzt werden können. Es geht letztendlich um eine technologische Erneuerung und Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit und technologischer Souveränität Europas. Die Errungenschaften dieses IPCEI werden sich in einem größeren europäischen Fußabdruck innerhalb der globalen Mikroelektronikindustrie messen lassen. Und es sei noch einmal betont: Europa muss schnell sein, um im internationalen Wettbewerb Boden gut zu machen!

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