Kontroverse um die EU-2-nm-Foundry

Eine Superidee – aber auch realistisch?

10. Mai 2021, 9:04 Uhr | Heinz Arnold

Fortsetzung des Artikels von Teil 1

Masterplan für europäische IC-Industrie

Auch Prof. Christoph Kutter, Präsidiumsmitglied des VDE, ist in dieser Frage hin- und hergerissen. Einerseits findet er es toll, dass die Politik in Deutschland die Relevanz der Mikroelektronik jetzt anerkannt hat. Andererseits kann auch er sich aus den genannten Gründen ebenfalls nicht mit dem Gedanken anfreunden, eine 2-nm-Foundry auf die grüne Wiese zu stellen. Deshalb rät er von Schnellschüssen ab: »Wir wissen, dass wir in der Mikroelektronik aufholen müssen – aber in welchen Bereichen? Deshalb befürwortet der VDE einen europäischen Masterplan. Die europäische Industrie, die Politik und die Wissenschaft diskutieren ihn bereits.« Ähnlich sieht es Wolfgang Weber: »Bei der Entwicklung und Fertigung kleinster Strukturgrößen in Europa muss zunächst eine Analyse erfolgen, die Aufschluss über die Erfolgsaussichten solch eines Vorhabens gibt. Außerdem sollte diskutiert werden, ob die Investition in eine Fab einen Beitrag zur technologischen Souveränität in Europa leisten kann oder eher die Investition in Entwicklung und Design von Chips.« Davon ist Stefan Joeres ebenfalls überzeugt. »Die Design-Fähigkeiten in Europa, etwa für Prozessoren, sollten ausgebaut werden, hier fehlt es nämlich.«

Bitte ein langfristiges IPCEI!

Was ihn zudem optimistisch stimmt: »Glücklicherweise aber hat sich der politische Wind in Europa und Deutschland jetzt gedreht: Es ist jetzt möglich, dass Geld auch in Produktionsansiedlungen fließt, was bis vor ein paar Jahren noch verpönt war.« Das habe das erfolgreiche IPCEI 1 (Important Project of Common European Interest) deutlich gezeigt. »Jetzt gilt es, das zweite IPCEI für Mikroelektronik ausreichend zu finanzieren und schnellstmöglich umzusetzen. Daneben muss begonnen werden, über zusätzliche Förderstrukturen für diese und die kommende Dekade, das heißt über IPCEI hinaus, nachzudenken«, erklärt Wolfgang Weber. In diese Richtung denkt Christoph Kutter ebenfalls, denn er sieht es als einen Nachteil an, dass ein IPCEI bisher nur über wenige Jahre läuft: »Was wir bräuchten, wäre ein langfristiges IPCEI-Projekt!«

Kutter Christoph
Christoph Kutter, Präsidiumsmitglied des VDE: »Glücklicherweise aber hat sich der politische Wind in Europa und Deutschland jetzt gedreht: Wie IPCEI 1 gezeigt hat, ist es jetzt möglich, dass Geld auch in Produktionsansiedlungen fließt, was bis vor Kurzem noch verpönt war. Was wir bräuchten, wäre ein langfristiges IPCEI-Projekt.«
© VDE
Kraus_Robert
Robert Kraus, Innova Semiconductors: »Eine Region, die nicht an der Spitze mitmischt, verliert kontinuierlich an Bedeutung. Was wir brauchen ist der großer Wurf. Wer „More Moore“ aufgibt, für den reicht es am Ende auch nicht mehr für „More than Moore“.«
© Iseled

Außerdem hält er die Zusammenarbeit mit führenden IC-Herstellern für sinnvoll: »TSMC wird hier sicher keine 2-nm-Fab bauen, aber vielleicht eine 10-nm-Fab.« Doch könnte das im Interesse der hier produzierenden Foundries sein? »Wettbewerb belebt das Geschäft, die europäischen Stärken in Sektoren wie Automotive, Industrie, Medizin, Sensoren, Power- und HF- und analogen ICs können umgekehrt auch TSMC befruchten.«

Für sinnlose Geldverschwendung hält Jan-Peter Kleinhans, Project Director der Stiftung neue Verantwortung, die Idee der EU-Foundry. Zusätzlich zu den genannten Argumenten hält er es für naiv, dass US-Hersteller wie Nvidia, Qualcomm, Apple, Tesla und viele mehr Aufträge an eine EU-Foundry geben würden, wenn vor ihrer Nase Firmen wie TSMC, Samsung und Intel Foundry Services anböten. »Noch naiver wäre es, ernsthaft anzunehmen, dass eine europäische Fab bis 2030 auf Augenhöhe mit den führenden Herstellern 2-nm-Chips überhaupt produzieren könnte.« Deshalb hielte auch er es für sehr viel sinnvoller, das Geld in den Aufbau einer Chipdesign- und Fabless-Industrie in Europa zu stecken. Er ist also ebenso wie Kutter für die umgekehrte Reihenfolge: Zuerst das Ecosystem, dann die Fab.

Was aber kontraproduktiv wäre – darüber sind sich alle einig: wenn Geld in eine 2-nm-Foundry flösse und den laufenden Projekten abginge und die Stärken Europa aus dem Blickfeld gerieten. Damit Europa auch in Zukunft ein innovativer und erfolgreicher Mikroelektronikstandort bleibt, müssen wir genau die Stärken und Schwächen der in Europa aktiven Mikroelektronikindustrie in den Blick nehmen.
»Wichtig ist, dass wir den weiteren Ausbau der in Europa vorhandenen Stärken, zum Beispiel in der Leistungselektronik und Sensorik, vorantreiben«, erklärt Wolfgang Weber.

Heißt das, wir sollten uns hier damit abfinden, dass der Zug für eine Sub-10-nm-Fab in Europa endgültig abgefahren ist? Dass es besser wäre, wie gehabt Geld in die Bereiche zu stecken, in denen Europa stark ist, und das Ganze über IPCEI etwas verstärken? Robert Kraus befürchtet, dass es dann wie gehabt in gewohnter Weise weiterginge – und der produzierende Halbleitersektor längerfristig immer mehr zusammenschrumpfen würde. »Dann werden wir in zehn Jahren in Europa eben nur noch 3 Prozent der Halbleiter fertigen.« Die Entwicklung über die vergangenen 30 Jahre habe doch gezeigt: »Eine Region, die nicht an der Spitze mitmischt, verliert kontinuierlich an Bedeutung. Was wir brauchen, ist der großer Wurf. Wer „More Moore“ aufgibt, für den reicht es am Ende auch nicht mehr für „More than Moore“.« 


  1. Eine Superidee – aber auch realistisch?
  2. Masterplan für europäische IC-Industrie

Das könnte Sie auch interessieren

Verwandte Artikel

INFINEON Technologies AG Neubiberg, Robert Bosch, GLOBALFOUNDRIES Europe Ltd.