Veränderung by Design or by Desaster?

Wie Obsoleszenzmanagement gerade jetzt hilft

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Björn Bartels, Geschäftsführender Gesellschafter von Amsys: »Ich hoffe nur, dass die gegenwärtige Situation noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Dann hätte die Krise etwas Positives angestoßen.«
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Nicht nur Corona ist an den alktuellen Chip-Engpässen Schuld. Auch Just-in Time-Lieferungen trugen dazu bei. Obsoleszenzmanagement hätte Abhilfe geschafft.

Wenn die Lieferzeiten für ein Bauelement in Richtung 50 Wochen oder sogar mehr steigen, dann heißt das für den Anwender in der Realität: Das Bauelement ist nicht verfügbar, de facto tritt der Obsoleszenzfall ein. Wer im eigenen Unternehmen bereits auf Obsoleszenzmanagement setzt, dürfte von der aktuellen Situation nicht ganz so hart betroffen sein. Denn dass das Obsoleszenzmanagement eine Versicherung für schwierige Zeiten ist, dafür liefert die gegenwärtige Situation genügend Anschauungsmaterial. »Das wird dem Obsoleszenzmanagement neuen Schub geben«, erklärt Jörg Berkemeyer von IHS Markit gegenüber Markt&Technik. »Die Strategien müssen jetzt auf nominell nicht abgekündigte, aber real nicht verfügbaren Bauelemente angewendet werden.«

Dass in vielen Bereichen Bauelemente einfach nicht mehr in der erforderlichen Menge zur Verfügung stehen, hat aber auch einen weiteren Grund: Just-in-Time-Lieferungen. Das System funktioniere in normalen Zeiten für unkritische Komponenten, sagt Björn Bartels, Geschäftsführender Gesellschafter von Amsys: »Dann aber haben die meisten Unternehmen diese Methode auf alle Komponenten ausgedehnt. Das konnte auf Dauer nicht gut gehen. Dass es zu Engpässen kommen wird, war vorhersehbar.«

Corona ist also nicht der einzige Grund für die gegenwärtige Situation.
Das Gleiche gilt für die Abkündigungswelle, die jetzt eine Folge der durch Corona ausgelösten Lieferschwierigkeiten und wegen der starken Nachfrage aus bestimmten Sektoren erfolgen dürfte – aber eben nicht nur, worauf Irina Werle hinweist, im strategischen Einkauf zuständig für das Obsoleszenzmanagement bei BMK: Der schon länger stattfindende Konzentrationsprozess unter den Komponentenherstellern trage genauso dazu bei wie die wachsende Zahl an Stoffen, die zu den gefährlichen Substanzen zählen, sodass mehr und mehr Bauelemente in der REACH-Datenbank landen, worauf sie abgekündigt werden. »Es treffen so viele Faktoren zusammen, dass es zu einer Abkündigungswelle kommen muss«, so Werle.

Fazit: In vielen Fällen steht sowieso fest, dass Veränderungen durch abgekündigte Bauelemente unausweichlich sein werden. Die Frage ist dann nur: Geschieht dies über vorausschauende Planung – also „by Design“ – oder „by Desaster“? Damit ist die unvorhergesehene Überraschung gemeint, auf die nur noch nachträglich reagiert werden kann – was zumeist sehr teuer kommt.

Jetzt müssten die Lehren aus der aktuellen Miesere gezogen werden. »Ich hoffe nur, dass dies allen noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Dann hätte die Krise etwas Positives angestoßen«, meint jedenfalls Björn Bartels in Hinblick darauf, dass alle Unternehmen in der Lieferkette künftig weniger unbekümmert einfach davon ausgehen werden, dass auch ohne proaktives Obsoleszenzmanagement schon alles gut gehen werde.

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