Preise und Lieferzeiten steigen

Am Rande des Wahnsinns

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Christian Dunger, Vorstandsvorsitzender von WDI »Sogar die Kunststoffgehäuse sind knapp, weil die Hersteller von Corona-Tests große Mengen an Kunststoff-Pellets einkaufen, die dann woanders fehlen. Alle arbeiten am Rande des Wahnsinns.«
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Gegenüber dem Jahresanfang hat sich die Situation deutlich verschärft. Vormaterialien sind knapp,das schlägt auf die Quarze und Oszillatoren durch

Seit Anfang des Jahres hat sich die angespannte Liefersituation noch verschärft, das spüren die Hersteller und Distributoren von frequenzgebenden Produkten wie Quarzen und Oszillatoren. Das liegt daran, dass die Corona-Krise die Lieferketten kräftig gestört hat, insbesondere die Luftfracht. Denn einen Großteil der Waren beförderten vor dem Ausbruch der Pandemie Passagierflugzeuge, nicht die ausschließlich dafür vorgesehenen Frachtflugzeuge. Weil seit dem Ausbruch von Corona aber nur sehr wenige Passagierflugzeuge unterwegs sind, müssen andere Wege gefunden werden. Das hat vor allem dem Schiffsverkehr starken Auftrieb gegeben. Frachtraum ist knapp, die Preise sind kräftig gestiegen und die Lieferzeiten verlängern sich. Wie verwundbar die globalen Lieferketten sind, zeigte jüngst die einwöchige Blockade des Suezkanals durch den Container-Riesen „Ever Given“. Das hat zu weiteren Engpässen geführt.

Weniger schnell dürfte ein weiterer Engpass zu beheben sein: Es mangelt an Standard-Containern (TEU). Und es gibt weltweit nur zwei Hersteller dieser Container, beides chinesische Unternehmen. Derzeit gibt es laut einem Bericht der FAZ 44 Mio. Container auf der Welt, mindestens 10 Prozent mehr seien für den derzeitigen Bedarf erforderlich. Etwa so viel bauen die Unternehmen jährlich neu, aber gleichzeitig werden 2,2 Millionen verschrottet.

Der Brand bei AKM hat immer noch Folgen

Doch nun zu den Quarzen und Oszillatoren. Als wäre das alles nicht genug, hatte Ende Oktober vergangenen Jahres ein Brand die Fab des japanischen IC-Herstellers AKM völlig zerstört, wo unter anderem ein Großteil der ASICs gefertigt wurde, die viele Hersteller in ihren temperaturkompensierten Quarzoszillatoren (TCXOs) einsetzen. »Auch das hat noch Auswirkungen auf den Markt für TCXOs, der allerdings in Deutschland überschaubar ist«, sagt Christian Dunger, Vorstand von WDI. Voraussichtlich soll Ende 2021 die Produktion bei AKM wieder aufgenommen werden. Vielen Anwendern von TCXOs bleibt jetzt kaum ein anderer Weg, als nach Alternativen zu suchen und Redesigns durchzuführen. Aufgrund der großen Marktanteile der AKM-Chips ist dies jedoch ein teilweise erfolgloses Unterfangen, weil die wenigen Alternativ-Anbieter den Bedarf nicht einmal ansatzweise stillen können.

Insgesamt fehlt es also an allen Ecken und Enden. »Sogar die Kunststoffgehäuse sind knapp, weil die Hersteller von Corona-Tests große Mengen an Kunststoff-Pellets einkaufen, die dann woanders fehlen«, so Dunger. »Alle arbeiten am Rande des Wahnsinns.«

Das alles hat zur Folge, dass die Lieferzeiten stark steigen: »Unter 30 Wochen geht wenig, und im Wochenrhythmus steigen sie weiter.« Vor allem aber steigen auch die Preise. »Bei den Vormaterialien haben wir in diesem Jahr schon die siebte Preisrunde hinter uns.«

Die Preisspirale dreht sich

Insgesamt sind die Preise für einige Quarze und Oszillatoren in diesem Jahr nach seinen Beobachtungen bereits um bis zu 30 Prozent gestiegen, ein Ende der Preisspirale sei derzeit nicht absehbar. »Aber der Preis ist mittlerweile eher sekundär, das wirkliche Problem besteht darin, dass es keine Verfügbarkeiten gibt.« Auch wenn es durchaus noch Kunden gebe, die meinen, jetzt über Preise verhandeln zu müssen – wir geben ganz klar den Tipp: Sichern Sie sich Verfügbarkeit! Am Ende nützt kein niedriger Preis auf dem Papier, wenn die eigene Produktion Bandstillstand meldet.

Ganz übel sieht die Situation im Bereich der weit verbreiteten 32.768-kHz-Uhrenquarze aus, insbesondere für die sehr beliebten Bauformen im 3,2 mm × 1,5 mm großen SMD-Keramikgehäuse. »Weil sie in praktisch allen Marktsektoren reichlich Einsatz finden, betrifft das jeden, besonders auch die zahlreichen EMS-Firmen«, sagt Dunger. Der Markt ist praktisch leergefegt, es werden schon Lieferzeiten von 144 Wochen genannt. Ganz schlimm: Einige Hersteller nehmen bereits keine Bestellungen mehr an und sprechen ganz offen von einer harten Allokation. Auch werden von den Lieferanten nun oft keine verbindlichen Preise mehr abgegeben – man behält sich jederzeit Preisanpassungen vor. »Für uns Distributoren ist das zunehmend ein echtes Problem – welcher Kunde erteilt schon gerne eine Blanko-Bestellung?«

Zunehmend knapp sieht es auch bei den MHz-Quarzen aus, die hauptsächlich in den bekannten, 3,2 mm × 2,5 mm und 5 mm × 3,2 mm großen SMD-Gehäusen Verwendung finden. Die Lieferzeiten liegen auch hier bei den meisten Herstellern bei über 30 Wochen. »Die Kunden sind es nicht gewohnt, mit solchen Lieferzeiten zu planen«, erklärt Dunger.

Also schauen sich die Anwender nach Alternativen um und führen zunehmend Redesigns durch, um auf andere Typen und Bauformen auszuweichen.


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  2. Beschaffung der Gehäuse ist das größte Problem

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