Obsoleszenzmanagement

Embedded-Module leben länger

Domino
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Die Lebens- und Verfügbarkeitsdauer elektronischer Komponenten nimmt permanent ab. Hingegen misst die Lebensdauer industrieller Geräte mehrere Jahrzehnte. So entsteht eine Diskrepanz zwischen Komponenten- und Produktlebensdauer. Ein aktives Obsoleszenzmanagement hilft, sie zu überwinden.

Obsoleszenz begegnet uns beispielsweise als Verbraucher im täglichen Leben. So wurden in den vergangenen Jahren viele Fälle in den Medien diskutiert, angefangen beim Phoebuskartell vor knapp 100 Jahren, bei dem eine maximale Lebensdauer von Glühlampen ausgelobt wurde. Was Privatpersonen als lästig empfinden, wirkt sich deutlich schwerer für die Industrie aus. Hierbei ist weniger die geplante Obsoleszenz als ein Abkündigen aufgrund neuer Technologien und Nachfolgeprodukten relevant. Weil sich die Hersteller von Elektronikkomponenten an den Anforderungen der dominierenden Hauptkunden orientieren, richten sie sich an der Lebensdauer der Konsumelektronik aus. Sie weist die höchsten Marktanteile des weltweiten Halbleiterkonsums auf. Allein die beiden größten Smartphone-Hersteller bezogen 2019 kumuliert nahezu 20 Prozent der weltweiten Halbleiterprodukte, die zehn größten Abnehmer insgesamt mehr als 40 Prozent. Besondere Markttreiber sind aktuell die Megatrends 5G und I(I)oT, womit sie wichtige Impulse für die Anforderungen an Komponenten definieren.

Gerade Embedded-Module, die die zentrale Einheit einer Anwendung bilden und die den Kunden mit einem fertigen Produkt entlasten sollen, müssen lange verfügbar sein und sich möglichst wenig verändern. Änderungen würden sich auf das restliche Kundendesign auswirken. Somit hat ein aktives Obsoleszenzmanagement hier einen besonders hohen Stellenwert.

Varianten der Obsoleszenz

Als Obsoleszenz bezeichnet man den Wechsel oder drohenden Wechsel von Verfügbarkeit zur Nichtverfügbarkeit durch den Originalhersteller. Häufig wird ebenfalls der Begriff Diminishing Manufacturing Sources and Material Shortages (DMSMS) anstatt Obsoleszenz verwendet. Er betont fehlende Komponenten oder Technologien. Obsoleszenz ist unvermeidbar, lediglich die Risiken der Auswirkungen lassen sich reduzieren (DIN EN 62402:2007).

Obsoleszenz kann neben der geplanten Obsoleszenz in verschiedenen Formen auftreten. Hierzu zählen die logistische, funktionale, technologische und die Bestands-Obsoleszenz. Die logistische Obsoleszenz beschreibt hierbei den Verlust der Beschaffungsfähigkeit und umschreibt somit die aktuelle Allokationsphase. Hieraus ist ersichtlich, dass sich die Obsoleszenz nicht immer auf einen dauerhaften Zustand beziehen muss. Auch eine kurzzeitige Obsoleszenz ist möglich.

Bei der funktionalen Obsoleszenz erhält man die Verfügbarkeit aufrecht, das Produkt wird jedoch modifizierten Anforderungen nicht mehr gerecht. Folglich ist die Funktion des Produktes veraltet, sodass das Produkt anzupassen ist. Im Rahmen der technologischen Obsoleszenz erfolgt ein Abkündigen aufgrund der Einführung von Nachfolgeprodukten, womit der Hersteller die Produktion sowie den Support für die Vorgängerversionen einstellt. Die Bestands-Obsoleszenz beschreibt das Gegenteil: Gelagerte Produkte sind obsolet, sie sind allerdings aufgrund einer Modifikation beziehungsweise eines Redesigns nicht mehr nötig.

Die Obsoleszenz beschränkt sich nicht nur auf elektronische und mechanische Komponenten, ebenso können Software, Prozesse, Materialien, Standards sowie Human Skills betroffen sein. Sie können somit die Produktion und den Service erheblich einschränken.

So wirkt sich Obsoleszenz aus

Obsoleszenz wirkt sich auf die Produktsicherheit, die Lebenszykluskosten, die Umwelt sowie auf die Unternehmensreputation aus. Besonders gravierend sind die Auswirkungen der Obsoleszenz insbesondere auf Anwendungen mit kostenintensiven Qualifizierungs- und Zertifizierungsmaßnahmen. Für sie ist ein Komponentenwechsel mit großem Aufwand verbunden.

Mit dem Ändern und Abkündigen von Komponenten können sich Entwicklungszeit und -kosten von Produkten signifikant erhöhen. Weiterhin zählen die immer kürzeren Produktlebenszyklen von Komponenten zu den größten Herausforderungen im Produktentstehungsprozess und verschärfen das Spannungsfeld zwischen Qualität, Kosten und Zeit. In Verbindung mit einer immer höheren Produktvernetzung und -komplexität neuer Produkte folgt, dass das Abkündigen von einzelnen Elementen weitreichende Folgen für Produkte und Gesamtsysteme hat.

Die sinkende Lebens- und Nutzungsdauer von Elektronikgeräten ist ebenfalls mit erheblichen Umweltfolgen verbunden. In den vergangenen Jahren hat die Menge an Elektronikschrott signifikant zugenommen. Ein bedeutender Auslöser ist hier die Produkt-Obsoleszenz mit beschleunigten Innovationszyklen und sinkenden Produktpreisen.

Obsoleszenz
Bild 1: Obsoleszenzmanagement-Services von TQ-Systems.
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Reaktives und proaktives Obsoleszenzmanagement

Unternehmen können die Risiken der Auswirkungen mithilfe von Obsoleszenzmanagement (OM) reduzieren. Hierzu gibt es verschiedene Möglichkeiten, die sich in den reaktiven und proaktiven Bereich unterteilen lassen. Das reaktive OM tritt erst im Fall eines Abkündigens ein, wohingegen im Rahmen des proaktiven OM bereits frühzeitig Maßnahmen definiert werden, um ein Erhalten des Systems optimal zu planen und zu gestalten. Zu beachten ist hierbei allerdings, inwiefern sich die Kosten der proaktiven und reaktiven OM-Aktivitäten differenzieren (Bild 1).

Im Rahmen verschiedener Studien zeigt sich, dass mittels eines proaktiven Ansatzes und einer frühzeitigen Maßnahmen-Definition eine deutliche Kostenersparnis im Vergleich zu den reaktiven Maßnahmen realisierbar ist.

Da in der Entwicklungsphase von Elektronikprodukten etwa 70 bis 80 Prozent der Produktkosten festgelegt werden, ist es wichtig, bereits in dieser frühen Phase das OM zu berücksichtigen, um nachhaltig und kostenoptimal agieren zu können.
Laut DIN EN 62402:2007 beinhaltet das OM dementsprechend das »Lenken und Leiten einer Organisation bezüglich Obsoleszenz« durch aufeinander abgestimmte Tätigkeiten.


  1. Embedded-Module leben länger
  2. OM-Modelle während des Produktlebenszyklus

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