Neuer Smart-Home-Standard

Version 1.0 von Matter definiert

7. November 2022, 10:12 Uhr | Harry Schubert
Matter Logo mit Thomas Rosteck
Thomas Rosteck, Leiter des Geschäftsbereichs Connected Secure Systems von Infineon: »Wir sind überzeugt, dass ein einheitlicher Standard die Fragmentierung des Smart Home-Markts beseitigt.«
© CSA, Infineon Technologies

Mit der Freigabe von Matter Version 1.0 durch die Connectivity Standards Alliance (CSA) tritt ein neuer Standard an, um künftig das Smart Home zu dominieren. Im Interview beleuchtet Thomas Rostek von Infineon Technologies das Potenzial von Matter.

Der Matter-Standard wurde mit dem Ziel entwickelt, die vielen bisher inkompatiblen Smart-Home-Systeme, z.B. Alexa von Amazon, Homekit (Siri) von Apple und Googles Home, zu vereinigen. Jetzt wurde Matter in der Version 1.0 von der CSA (Connectivity Standards Alliance) freigegeben.

?   Was kann Matter 1.0 leisten?

Thomas Rosteck: Mit der Veröffentlichung von Matter 1.0 ist ein wichtiger Schritt geschafft, das Smart Home einfacher und sicherer zu machen. Denn Industriestandards sind wichtig, damit Geräte unterschiedlicher Hersteller zusammenarbeiten können. Matter-kompatible Geräte lassen sich künftig unkompliziert in das Heimnetzwerk einbinden, und sie kommunizieren auf verschlüsselte und gesicherte Weise miteinander.

Thomas Rostek, Infineon Technologies
»Unser Zuhause bildet den Mittelpunkt unseres Alltags,« sagt Thomas Rosteck, Leiter des Geschäftsbereichs Connected Secure Systems von Infineon. »Wir sind überzeugt, dass ein einheitlicher Standard die Fragmentierung des Smart Home-Markts beseitigt. Das ist essentiell wichtig, um die Konnektivität zu verbessern, die Digitalisierung voranzutreiben sowie den CO2-Ausstoß im Smart Home zu senken. Die Matter-Initiative und integrierte Matter-Lösungen von Infineon ermöglichen Verbrauchern ihr Smart-Home auf eine einfache und gesicherte Weise einzurichten, zu verknüpfen und zu steuern und zugleich Energie möglichst effizient zu nutzen.«
© Infineon Technologies

Das sind besonders gute Nachrichten für Verbraucher. Sie werden bei der Auswahl der Smart-Home-Produkte und -Systeme freier entscheiden und zudem vorhandene Geräte länger nutzen können. Sie müssen sich also nicht mehr für ein System entscheiden, an das sie dann gebunden sind. Denn der gemeinsame Standard macht Geräte und Services für das Smart Home interoperabel und perspektivisch auch rückwärtskompatibel. Das wird die Akzeptanz für Digitalisierung und Vernetzung im Smart Home erhöhen.

Doch es geht längst nicht mehr nur um den Aspekt der Convenience bzw. Bequemlichkeit. Ein gemeinsamer Standard trägt auch dazu bei, neue datenbasierte Dienste und Geschäftsmodelle zu entwickeln und Haustechnik an die individuelle Nutzung anzupassen und zu automatisieren.

Das ist besonders wichtig, weil Smart-Home-Technologien mit Hilfe intelligenter und vernetzter Technologien helfen können, Energie und CO2-Emissionen einzusparen. Und sie können neue Pflege- und Gesundheitsservices ermöglichen. Dadurch könnten Menschen länger selbstbestimmt in ihrem Zuhause leben – ein weiterer wichtiger Aspekt in der älter werdenden Gesellschaft.

?   Welche Vorteile bietet Matter und wie muss man sich die Implementierung von Matter in der Praxis vorstellen?

!   Rosteck: Der Smart-Home-Markt umfasst eine sehr große Zahl von Anwendungen und Herstellern. Zukunftsfähige Smart-Home-Lösungen sind offen für die Zusammenarbeit mit anderen Systemen und im Idealfall rückwärtskompatibel. Matter ermöglicht es, alles vom Türschloss über die Heizungssteuerung und den Staubsaugerroboter bis hin zum Fernseher von verschiedenen Anbietern auszuwählen.
Auch für Anbieter sind offene Standards von Vorteil. Wer zurzeit eine ausreichende Marktgröße adressieren will, muss seine Geräte für unterschiedliche Systeme entwickeln und zertifizieren lassen. Matter als gemeinsamer, breit unterstützter Standard löst dieses Problem durch Offenheit und einfache Verfügbarkeit. Das reduziert die Fragmentierung des Marktes und schafft die Grundlage für größeres Wachstums für die Industrie.

In Bezug auf die Implementierung von Matter, möchte ich skizzieren, welchen Beitrag beispielsweise Infineon leistet. Wir bieten Systemlösungen aus Matter-zertifizierter Hardware und Software, die Hersteller schnell und einfach in ihre Geräte integrieren können. Unsere Kunden können sich so auf ihre Innovationen und bessere Lösungen für den Verbraucher konzentrieren, statt ihre Lösung für unterschiedliche Systeme zu entwickeln und zertifizieren zu lassen. 

?   Wie sicher ist Matter 1.0?

!   Rosteck: Infineon beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema IoT-Sicherheit. Und wir wissen, dass IoT-Sicherheit zu komplex ist, als dass wir den Verbraucher mit dem Thema allein lassen könnten. Bei der Entwicklung von Matter wurde Sicherheit von Anfang an mitgedacht. Hier sind die langjährige Erfahrung und Sicherheitsexpertise von Unternehmen wie Infineon eingeflossen. Damit sind wir in der IoT-Sicherheit ein gutes Stück weitergekommen.

Matter bietet umfassende und starke Sicherheit, die für Verbraucher einfach zu handhaben und für Gerätehersteller einfach zu integrieren ist. Des Weiteren setzt Matter auf Best Practices in puncto Sicherheit. So hat zum Beispiel jedes Matter-Gerät eine eigene Identität. Das erlaubt, nur authentischen und zertifizierten Geräten Zugang zum Heimnetzwerk zu gewähren. Außerdem werden die Daten verschlüsselt. Und schließlich tragen fein abgestufte Zugriffskontrollrichtlinien dazu bei, dass jedes Gerät nur die Vorgänge ausführt, die es ausführen soll.

?   Welche Bausteine und Tools von Infineon sind bereits für Matter 1.0 geeignet und wie können Entwickler Matter implementieren?

!   Rosteck: Halbleiterlösungen sind elementar für das Internet der Dinge, kurz IoT. Sie verbinden die reale mit der digitalen Welt. Um IoT-Lösungen zu realisieren, braucht es Sensoren, Mikrocontroller, Aktoren, Konnektivität und Sicherheit.

Matter-Anwendung auf der Electronica am Infineon-Stand Halle C3, Stand 502.
Matter-Andwendung am Electronica-Messestand (Halle C3, Stand 502) von Infineon: Smarte Klimaanlage mit Wi-Fi-Schnittstelle und Sensoren für Smart-Home-Anwendungen.
© Infineon Technologies

Infineon bietet ein umfassendes Portfolio an passgenauen und einsatzbereiten Produkten für das vernetzte, intelligente, sichere und energieeffiziente Smart Home an. In Bezug auf Matter bieten wir Wi-Fi- und Bluetooth-Konnektivität wie auch Sicherheitslösungen. Die Kombination aus PSoC-Mikrocontrollern und AIROC-Bluetooth/Wi-Fi-System-on-Chips (SoCs) unterstützt eine sehr zuverlässige, stromsparende Implementierung von »Matter over Wi-Fi Edge Devices«, wobei die Bereitstellung über Bluetooth oder Bluetooth Low Energy erfolgt.

Der AIROC ist eines der ersten hochleistungsfähigen Multiprotokoll-SoCs mit niedriger Stromaufnahme, das die Thread-1.3-Zertifizierung erhalten hat, was die Grundlage für Matter-over-Thread-Geräte darstellt. Unser neues PSoC Wi-Fi BT Pioneer Kit hilft Entwicklern und Ingenieuren, zuverlässige Matter-over-Wi-Fi-Lösungen mit sehr niedriger Stromaufnahme zu realisieren und schneller auf den Markt zu bringen. Und Infineons Matter-kompatible OPTIGA-Sicherheitslösungen lassen sich leicht in Embedded-Systeme integrieren, um Vertraulichkeit, Integrität und Authentizität von Informationen und Geräten zu schützen.

Darüber hinaus integriert Infineon die Matter-Software in die ModusToolbox, so dass unsere Kunden in einem Tool Zugriff auf Matter und die gesamte Infineon-Software- und Treibersuite bekommen und so ihre Markteinführungszeit verkürzen können. Wie schon erwähnt, war auch der Aspekt der Nachhaltigkeit bei der Entwicklung von Matter wichtig. Nachhaltigkeit liegt auch uns bei Infineon sehr am Herzen.

Bereits auf dem Markt und im Einsatz befindliche Geräte können über Bridges in Matter-kompatible Systeme integriert werden. So gibt es zum Beispiel bereits eine Spezifikation für eine Bridge zwischen Matter und Zigbee. Und ganz grundsätzlich können viele Geräte über Software-Updates Matter-kompatibel werden. 

?   Wie rasch wird sich Matter etablieren und in welchen Produktbereichen und Marktsegmenten sehen Sie das größte Potenzial für Matter?

Wireless Congress: Systems & Applications
19. Wireless Congress: Systems & Applications 16.–17. November 2022 ICM – International Congress Center Messe München Messegelände – Eingang West München
© WEKA FACHMEDIEN

!   Rosteck: Aus unserer Sicht wird Matter ein führender Standard für Smart-Home-Anwendungen werden, denn er hat die breiteste Unterstützung der Industrie, vor allem von führenden Unternehmen wie Google oder Apple.

ABI Research geht davon aus, dass 2030 nahezu alle verkauften Smart-Home-Geräte Matter-kompatibel sind. Das dürften dann circa 1,5 Milliarden Matter-zertifizierte Geräte sein.

Aus der Erfahrung mit Kartenzahlungen, Industrie 4.0 oder in der Autoindustrie wissen wir, dass offene Standards langfristig erfolgreicher sind, wenn man einen globalen Markt mit vielfältigsten Produkten adressieren wird. Daher sind wir überzeugt davon, dass Verbraucher, Gerätehersteller und nicht zuletzt Zulieferer von Matter profitieren werden.

?   Vielen Dank für das Interview.

Matter beim Wireless Congress

Informationen über den Matter-Standard erhalten Sie beim Wireless Congress 2022 in der Matter-Session am 17. November.

Matter-Logo
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Wireless Congress: Systems & Applications
© WEKA FACHMEDIEN
Uhrzeit Titel

Sprecher

11:30 – 12:00 Creating Unified Standards for Smart Device Communications Through the Power of IP

Klaus Waechter, Siemens Smart Infrastructure; Arnulf Rupp, Osram und Daniel Moneta, Google

12:00 – 12:30 What is Matter? Matt Maupin, Silicon Labs
14:00 – 14:30 Matter Security and Privacy Steve Hanna, Infineon Technologies
14:30 – 15:00 Wireless Connectivity and the Matter Network

Max Palumbo, NXP Semiconductors

 


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