Netzausbau contra Genehmigungen und Naturschutz

Smart Grid: Stromautobahnen oder Blackout

5. Oktober 2010, 11:17 Uhr | Heinz Arnold
Prof. Christian Rehtanz: »Wir sind in der Netztechnik weltweit in einer Führungsposition, diesen Vorsprung dürfen wir nicht verlieren.«

Das europäische Verbundnetz hinkt dem Ausbau der Windkraft und Photovoltaik hinterher. Die Zeit drängt. Schon in den nächsten Jahren müssten Tausende Kilometer neue Stromtrassen gebaut werden, um die Energie von Windparks zu den Verbrauchern zu bringen. Doch endlose Genehmigungsverfahren behindern den Ausbau.

Ein Kabel von einem Offshore-Windpark an Land zu legen, und die sauber erzeugte Energie ins Stromnetz einzuspeisen – gäbe es ein besseres Beispiel dafür, dass Deutschland dem Ziel, den größten Teil der Energie aus erneuerbaren Quellen zu erzeugen, in großen Schritten näher kommt? Umso mehr als es sich um ein Kabel für die Hochspannungsgleichstromübertragung (HGÜ) handelt, das neuste was die Technik zu bieten hat: 125 km unter Wasser und 75 km unterirdisch bis nach Diele verläuft die High-Tech-Stromtrasse. Sie soll dafür sorgen, dass die saubere Energie bei den Verbrauchern ankommt.  

Diese Trasse erfüllt also alles, was sich Parteien und Interessenverbände quer durch alle Reihen wünschen: Das Verbundnetz für den Ausbau der erneuerbare Energien auf den neusten Stand zu bringen.

Doch genau dieses Kabel zeigt exemplarisch, welche Hürden der Ausbau des Netzes hierzulande noch zu nehmen hat. Die Zeit drängt: Wie nah das Netz bereits am Kollaps steht, lesen sie hier.  

Die größten Hürde stellt allerdings nicht die Technik dar, sondern die langwierigen Genehmigungsverfahren. Genau diese Erfahrungen durfte der Übertragungsnetzbetreiber Transpower machen, in dessem Auftrag ABB  das HGÜ-Kabel »BorWin 1« (150 kV, 400 MW) vom Offshore-Windparks BARD Offshore 1 nach Diele verlegt hat. Das Unternehmen fasst diese Erfahrungen in einem Satz zusammen: »Das Spannungsfeld zwischen Rechtzeitigkeit, Effizienz, Genehmigungen und Naturschutz ist nicht gelöst.«

Erschwerend kommt hinzu, dass die HGÜ-Leitung zwar in Diele ihren Endpunkt findet, nicht jedoch das Problem des Stromtransportes. Um den Strom nach Wesel am Niederrhein zu übertragen, soll die bestehende 220-kV-Leitung auf 380 kV aufgerüstet werden. Dagegen hagelt es aber Bürgerproteste. Verzögerungen sind die Folge. Andererseits wissen alle, dass wegen des starken Wachstums der erneuerbaren Energien neue Stromautobahnen unbedingt gebaut werden müssen. Erst kürzlich haben von Reinhard Bütikofer bis zum BITKOM Parteien und Verbände darauf hingewiesen, dass der Ausbau des Netzes – auch gegen Widerstände – schnell vorangetrieben werden muss.

»Der Netzausbau hinkt dramatisch hinterher«

Denn allein durch den Ausbau der Windenergie benötigt Deutschland rund 800 Kilometer neue Stromleitungen, zu diesem Ergebnis kam die dena-Netzstudie – im Jahr 2005! Seit dem ist leider nicht viel geschehen. Jetzt lässt die dena verlauten, dass von den 1000 km neuer Leitungen, die bis 2015 gebraucht würden, erst 90 km gebaut sind. »Der Netzausbau hinkt dramatisch hinterher«, erklärt denn auch Prof. Jochen Kreusel, Leiter des Geschäftsbereichs Marketing & Vertrieb Energietechnik von ABB und Mitglied des Präsidiums des VDE.   

Insbesondere in Hinblick auf HGÜs  fordert Dr. Peter Menke, zuständig für die Power Transmission Division von Siemens Energy: »Wir sollten nun die gesetzlichen Hürden überwinden, um zumindest kleinere HGÜs bauen zu können, technisch bekommen wir das in ein paar Jahren hin.«

Und Dr. Christoph Dörnemann, Leiter Asset-Planung von Amprion, ergänzt: »Weil das Wechselspiel der HGÜ mit dem existierenden Netz so kompliziert ist, wäre es jetzt sehr wichtig, Pilotanlagen zu bauen und die HGÜ hier vor Ort in Deutschland zu testen. Da könnten dann auch die Universitäten ihr Wissen mit einbringen.«

Damit macht er auf die Stärken der Industrie und auch der Universitäten hierzulande aufmerksam: Sie haben gegenüber anderen Weltregionen einen Vorsprung. »Wir sind in der Netztechnik weltweit in einer Führungsposition, diesen Vorsprung dürfen wir nicht verlieren«, sagt auch Prof. Christian Rehtanz. Die deutschen Hochschulen seien in diesem Bereich sehr gut positioniert. Auch die E-Energy-Projekte des Bundeswirtschaftsministeriums seien wichtige Schritte in die richtige Richtung. »Aber es wäre falsch, jetzt erst mal Luft zu holen und eine Pause einzulegen«, warnt Prof. Kreusel. »Wir brauchen dringend ein Pilotprojekt.«

Warum Pilotprojekte jetzt so wichtig wären, lesen Sie hier.

Investitionen und Regulierungen

Das ganze kostet natürlich auch Geld, hohe Investitionen sind erforderlich. »In Deutschland brauchen wir rund 3000 km zusätzliche Leitungstrassen, seien es nun konventionelle 400-kV-Doppelleitungen oder HGÜs, das kostet zwischen 6 und 8 Mrd. Euro«, erklärt Prof. Christian Rehtanz vom Lehrstuhl für Energiesysteme und Energiewirtschaft der Technischen Universität Dortmund. Das ist zwar kein geringer Betrag, aber er wäre durchaus finanzierbar. Der Preis für 1 kWh aus Windrädern würde sich durch die zusätzlichen Netzkosten um rund 1 Cent erhöhen, sie fielen also insgesamt kaum ins Gewicht.

Allerdings fehlen derzeit Anreize für die Netzbetreiber, in den Ausbau zu investieren. Deshalb fordert Prof. Jochen Kreusel: »Der Regulierungsrahmen sollten aktiver weiter entwickelt werden, wir haben nicht mehr viel Zeit!«

Das sieht auch Prof. Rehtanz so. Der Regulator in Europa hat vor allem ein Ziel: die Kosten für das Netz zu reduzieren. »Jetzt müssen wir uns fragen: wie billig darf es denn noch werden, um uns nicht von neuen Entwicklungen abzuschneiden?«


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