Amtsgericht München

Keyless-Go-System-Hacken ist kein Aufbruch

21. Oktober 2020, 09:47 Uhr   |  Hagen Lang

Keyless-Go-System-Hacken ist kein Aufbruch
© Bild: Adobe Stock

Hacker können Keyless-Go-Signale bis zu mehrere hundert Meter weiterleiten und mit dem nötigen Equipment in aller Ruhe von einem sicheren Standort aus hacken.

Die Hausratversicherung eines Diebstahlopfers muss nach dem illegalen Öffnen von dessen PKW mittels Funksignal nicht für die gestohlenen Gegenstände aufkommen. Das Überwinden des Keyless-Go-System stelle kein „Aufbrechen“ im versicherungstechnischen Sinne dar, so das rechtskräftige Urteil.

Besitzer von PKW mit Keyless-Go-Öffnungssystem sollten lieber keine Wertgegenstände in ihren Autos liegen lassen. Nach einem Urteil des Amtsgerichts München vom 12.03.2020 (Aktenzeichen 274 C 7752/19) stellt das unbefugte Entriegeln des Systems kein „Aufbrechen“ dar. Die Klage eines Piloten aus dem Raum Freiburg gegen ein Münchner Versicherungsunternehmen auf Zahlung aus Hausratsversicherung in Höhe von 3.314,72 Euro für einen aus seinem PKW entwendeten Koffer wurde abgelehnt. Das Urteil wurde nach Zurückweisung der Berufung am 25.09.2020 rechtskräftig.

Aus dem am 10.12.2018 für fünf Minuten in der Münchener Straße in Frankfurt am Main abgestellten Auto wurden Reise- und ein Pilotenkoffer von einem unbekannten Täter entwendet. An dem Pkw befanden sich danach keine Aufbruchspuren. Der Kläger verständigte die zuständige Polizeidienststelle und erstattete Strafanzeige gegen Unbekannt. Dieses Verfahren wurde eingestellt, da kein Täter ermittelt werden konnte. Teile seiner Uniform, Ausweisdokumente und Pilotenlizenz wurden ihm von der Polizei ausgehändigt, nachdem sie in einer Mülltonne in Nähe des Tatorts gefunden worden waren. Der Pilotenkoffer und die dem Arbeitgeber gehörenden Geräte sowie die Uniform wurden durch seinen Arbeitgeber ersetzt.

Der Geschädigte glaubte, dass seine Hausratversicherung für den entwendeten privaten Koffer aufkommen werde, da sein Vertrag folgenden Passus enthielt: „Entschädigt werden auch versicherte Sachen, die (…) durch Aufbrechen eines verschlossenen Kraftfahrzeugs entwendet…werden.“

Der Pilot argumentierte, dass er den Pkw sicher verschlossen habe. Wahrscheinlich sei der Pkw vom unbekannten Täter durch eine sogenannte „Relay Attack“ entriegelt worden, indem das Keyless-Go-System unbefugt mit einem Funksignal überwunden wurde. Er meint, dass auch eine unbefugte Öffnung des Pkw per Funksignal unter den Begriff „Aufbrechen“ falle. Die Versicherung lehnte eine Entschädigung ab, da es bei dem Vorgang an einem „Aufbrechen“ fehle. Hierfür sei mehr erforderlich als ein bloßes unbefugtes Öffnen. Die Verwendung eines falschen Schlüssels sei aber gerade nicht gleichzusetzen mit einem „Aufbrechen“.

Der ADAC hatte 2019 etwa 300 Keyless-Go-Modelle getestet und fast alle für untauglich befunden. „Mit einer selbst gebauten Funkverlängerung konnten fast alle bisher untersuchten Fahrzeuge sekundenschnell entsperrt und weggefahren werden", sagte damals ein ADAC-Sprecher der dpa. Neu ist, dass Geschädigte wegen des Systems nun ihren Versicherungsschutz verlieren.

Mit der Begründung des Gerichts können Hausratversicherungen aller Keyless-Go-Benutzer Schäden durch Diebstahl ablehnen, die aus der Überwindung des Systems (ohne physische Gewalt) resultieren. Das Amtsgericht argumentierte, dass „unter „Aufbrechen“ nach dem allgemeinen Sprachgebrauch sicher nicht jedes unbefugte Öffnen mittels Verstärkung eines Funksignals oder Verwendung eines „falschen“ Funksignals“ falle.

 

Und weiter: „Für die Kosten- und Risikokalkulation der Beklagten ist es zwangsläufig erforderlich, dass der Versicherungsumfang (und damit ihre zu erwartenden Risiken) klar abgegrenzt sind. Es können nicht einfach (später) zusätzliche versicherte Risiken durch Auslegung entgegen eines eindeutigen Wortlauts in den Vertrag aufgenommen werden. (…)  Im Fall einer elektronischen Überwindung per Funksignal könnte die Abgrenzung zum schlichten Vergessen des Absperrens durch den Versicherungsnehmer nur deutlich unsicherer anhand der Angaben des Versicherungsnehmers und ggf. Zeugen erfolgen. Für die Beklagte wäre dies kaum nachprüfbar, und es bestünde nach Auffassung des Gerichts eine nicht unerhebliche Missbrauchsgefahr.“

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