Verkehrswende

Ridepooling zeigt deutlichen Effekt

9. Dezember 2021, 8:35 Uhr | Irina Hübner
Die Mobilität der Hamburger Bevölkerung innerhalb einer Woche.
Die Simulation bildet die Mobilität der Hamburger Bevölkerung sowie aller Besucherinnen und Besucher im Wochenverlauf ab.
© MOIA Simulation

On-Demand-Verkehrsangebote nützen der Verkehrswende. Das haben Forschende des KIT in einer aufwendigen Verkehrssimulation festgestellt. Sie haben die Auswirkungen des europaweit größten – von MOIA betriebenen – Ridepooling-Dienstes auf den Verkehr in Hamburg untersucht.

Die Studie mit einem eigens dafür entwickelten Simulations-Tool liefert erstmals wissenschaftlich unabhängige Erkenntnisse für den Anbieter MOIA, die Verkehrspolitik und die Verkehrsplanung. Die Erkenntnis: Ridepooling kann dabei helfen, den Autoverkehr in der Stadt zu reduzieren. Dieser Effekt verstärkt sich, wenn es weniger attraktiv wird, in der Stadt das eigene Auto zu benutzen.

»Unsere Simulationen auf Basis von Erhebungen und vielen weiteren Daten zeigen, dass die Verkehrswende dann möglich wird, wenn attraktive alternative Angebote zum privaten Auto geschaffen und zusätzlich Regelungen für den motorisierten Individualverkehr eingeführt werden«, sagt Dr. Martin Kagerbauer vom Institut für Verkehrswesen (IfV) des KIT. »Mit dieser Studie liefern wir wesentliche Hinweise darauf, welche Bestandteile es braucht, um die Verkehrswende voranzubringen.«

Kagerbauer und sein Team haben zusammen mit der TU München über einen Zeitraum von zwei Jahren erforscht, welche Auswirkungen die Ridepooling-Angebote des Dienstleisters MOIA auf das Verkehrssystem in Deutschlands zweitgrößter Stadt haben können. MOIA, das Mobilitätsunternehmen des Volkswagen-Konzerns, besetzt mit Ridepooling die Lücke zwischen Taxi und ÖPNV.

Ein Algorithmus sorgt dafür, dass Nutzerinnen und Nutzer mit einem ähnlichen Fahrtziel gemeinsam in einem Fahrzeug befördert werden. Die Passagiere werden dabei unabhängig von einem Fahrplan oder Linienweg befördert. Fahrgäste können flexibel unterwegs zu- und aussteigen. Wer mitfahren will, ordert das Fahrzeug per Handy-App, ein Algorithmus plant und optimiert daraufhin die Route.

Ridepooling schadet dem ÖPNV nicht

Befürchtungen, Ridepooling werde dem öffentlichen Nahverkehr der Elbmetropole Fahrgäste abspenstig machen, bestätigten sich laut den Expertinnen und Experten nicht. Im Gegenteil: »Wenn neue Verkehrsmittel hinzukommen, werden zwar Wege von den bereits vorhandenen Verkehrsmitteln auf das neue Mobilitätsangebot verlagert, aber durch den sogenannten Toureneffekt und die bessere Erreichbarkeit von Haltestellen profitiert der Öffentliche Verkehr durch Ridepooling«, erklärt Gabriel Wilkes vom IfV. »Wenn zum Beispiel jemand von zu Hause ins Kino und wieder zurück fährt, wird auf dieser Tour mit zwei Wegen oft nur einer mit Ridepooling zurückgelegt, der andere Weg fast immer mit ÖPNV.« In der Summe ergeben sich so positive Effekte für den Öffentlichen Nahverkehr.

Im Verkehrswendeszenario der Simulation mit flächendeckender Verfügbarkeit von autonom fahrenden Ridepooling-Angeboten mit vielen Fahrzeugen, einem gut ausgebautem ÖV und gleichzeitigen Einschränkungen für den Autoverkehr ließe sich der Autoverkehr in Hamburg um acht Prozentpunkte reduzieren. Der Rückgang der Fahrzeugkilometer um etwa 15 Millionen Kilometer pro Woche wäre laut den KIT-Forschenden beachtlich.

Die Verkehrssimulation mit dem am KIT entwickelten Software-Tool mobiTopp ist einzigartig. Das Tool bildet die Mobilität der gesamten Hamburger Bevölkerung und aller dorthin Reisenden im Verlauf einer Woche ab. Abgebildet werden dabei auf die Minute genau und räumlich hoch aufgelöst sämtliche Wege zu allen Aktivitäten wie Arbeit, Einkauf oder Freizeit. Dass dabei neben den konventionellen Verkehrsmitteln auch neue Mobilitätsformen wie beispielsweise Ridepooling, Car- und Bikesharing oder E-Scooter-Sharing detailliert berücksichtigt werden, ist die Neuheit an dem Tool.


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