Masterplan für die neuen Bundesländer

So gelingt der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft im Osten

Wasserstoff-Masterplan Ostdeutschland
Energiepark Bad Lauchstädt: Das Reallabor zur intelligenten Erzeugung, Speicherung, Transport, Vermarktung und Nutzung von grünem Wasserstoff ist ein Beispiel für die großen Potenziale von Wasserstoff in Ostdeutschland.
© Torsten Proß/Jeibmann Photographik

Der »Wasserstoff-Masterplan für Ostdeutschland« skizziert Herausforderungen und Chancen beim Aufbau einer ostdeutschen Wasserstoffwirtschaft. Zudem wird hier für alle östlichen Bundesländer die spezifische Wasserstoffnachfrage in den einzelnen Sektoren für die Jahre 2030 und 2050 prognostiziert.

Der Masterplan ist das gemeinsame Werk der Fraunhofer-Einrichtung für Energieinfrastrukturen und Geothermie IEG, des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI sowie des Fraunhofer-Instituts für Keramische Technologien und Systeme IKTS. »Die Umstellung auf den Energieträger Wasserstoff bietet die große Chance, die sich ergänzenden ostdeutschen Stärken durch koordiniertes länderübergreifendes Handeln von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zu bündeln. Genau hier setzt der ›Wasserstoff-Masterplan für Ostdeutschland‹ an, welcher auf den Erkenntnissen der bekannten ›Fraunhofer Wasserstoff-Roadmap für Deutschland‹ aufbaut«, erklärt Prof. Mario Ragwitz, Leiter des Fraunhofer IEG und Sprecher des Wasserstoffnetzwerkes der Fraunhofer-Gesellschaft.

»Energiewirtschaft, Grundstoffindustrien, Fahrzeug- und Anlagenbau leisten einen sehr wichtigen Beitrag für den Aufbau einer nachhaltigen Wasserstoffwirtschaft in Ostdeutschland. Mit konkreten Fallstudien zeigen wir im Masterplan erstmals Nachfrage- und Wertschöpfungspotenziale auf – die bereits bis 2030 und darüber hinaus realisiert werden könnten«.

Um den Aufbau einer nachhaltigen Wasserstoffwirtschaft in Ostdeutschland erfolgreich zu gestalten, macht das Expertenteam der drei Fraunhofer-Institute zudem mehr als 50 konkrete Vorschläge, darunter auch die Gründung einer »Wasserstoffagentur Ostdeutschland«, die alle ostdeutschen Wasserstoff-Interessen bündelt, Unternehmen bei Ihren Investitionsvorhaben begleitet und der Region beim Thema Wasserstoff eine starke Stimme gibt.

Konkrete Ergebnisse des Masterplans

  • Vielfältige Akteurslandschaft entlang der Wasserstoff-Wertschöpfungskette identifiziert: Bisher konzentrierten sich Studien zur Wasserstoffwertschöpfung in Ostdeutschland auf regional eng begrenzte Räume oder einzelne Bundesländer. Ein umfassendes Bild über Unternehmen, die in Ostdeutschland entlang der Wasserstoff-Wertschöpfungskette aktiv sind, fehlte. Im Masterplan wurde nun erstmals eine gesamtheitliche Betrachtung der ostdeutschen unternehmerischen Akteurslandschaft vorgenommen. So konnten über 660 Akteure identifiziert und den verschiedenen Bereichen der Wertschöpfungskette zugeordnet werden. Diese umfassende Darstellung wird eine Vernetzung zwischen den einzelnen Akteuren vereinfachen, Synergien schaffen und den Aufbau von Doppelstrukturen oder gar Kannibalisierungseffekte zwischen einzelnen Regionen verhindern.
  • Die Bundesländer besitzen komplementäre Stärken: Weiterhin skizzieren die Expertinnen und Experten im Masterplan für jedes Bundesland detaillierte Stärken- und Schwächenprofile. Im Ergebnis wird deutlich, dass sich diese Profile komplementär ergänzen und ein hervorragendes Fundament für eine bundesländerübergreifende Zusammenarbeit bieten. Insbesondere Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg können große Mengen nachhaltigen Stroms bereitstellen. Beide Länder können zudem fundierte Erfahrungen im Bereich der Kraftwerkstechnik einbringen. In Sachsen-Anhalt existiert eine breite Expertise in der chemischen Industrie und eine sehr gut ausgebaute Gasspeicherinfrastruktur. In Sachsen findet sich eine hohe Kompetenz im Bereich des Anlagen- und Maschinenbaus und in Thüringen in der Sicherheits- sowie Mess-, Steuer- und Regelungstechnik.
  • Erstmals konkretes Wasserstoff-Nachfragepotenzial für Ostdeutschland prognostiziert: Auf Basis des ostdeutschen Akteursnetzwerks, der Stärken- und Schwächenprofile und eines Simulationsmodells des Fraunhofer ISI wurden drei länderübergreifende Fallstudien entwickelt. Dadurch ist es gelungen, für alle ostdeutschen Bundesländer konkrete Wasserstoffnachfragepotenziale in der Industrie sowie im Verkehr quantitativ und bei möglichen Systemdienstleistungen qualitativ zu ermitteln.

Kurz- bis mittelfristig wird in der ostdeutschen Industrie ein Nachfragepotenzial von rund 15 Terawattstunden (TWh) insbesondere bei Raffinerien, der Basischemie und der Stahlproduktion gesehen. Weitere 2,3 TWh könnten durch den Einsatz im Verkehrsbereich erschlossen werden. Bis 2050 wird für den Verkehrsbereich ein Gesamtpotenzial von 12 TWh und für den Einsatz in der Industrie ein Bedarf von 37 TWh prognostiziert. Zum Vergleich: Für das Jahr 2030 erwartet die Bundesregierung auf Basis der nationalen Wasserstoffstrategie einen Wasserstoffbedarf von ca. 90 bis 110 TWh deutschlandweit.

Über 50 Maßnahmenvorschläge für erfolgreichen Wasserstoff-Markthochlauf 

Um diese Wertschöpfungs- und Nachfragepotenziale schnellstmöglich anzureizen und auch erfolgreich auszuschöpfen, wird den ostdeutschen Landesregierungen die Umsetzung von mehr als 50 konkreten Maßnahmen empfohlen. Diese reichen von der Entwicklung spezifischer Genehmigungs- und Zulassungsverfahren, über die Veränderung von Beschaffungsrichtlinien bis zur Etablierung konkreter Bildungsangebote.

Um die länderübergreifende Zusammenarbeit bei Themen der Wasserstoffwirtschaft nachhaltig zu fördern, wird im Masterplan auch die Gründung einer ostdeutschen Wasserstoffagentur vorgeschlagen. Dadurch könnte eine stetige politische Koordination über die Grenzen der Bundesländer hinweg gewährleistet und die Verzahnung zwischen Unternehmen, Wissenschaft und Politik sichergestellt werden. Ziel der Wasserstoffagentur ist es zudem, die Unternehmen der unterschiedlichen Sektoren und Wertschöpfungsstufen zusammenzuführen und eng zu begleiten. Dadurch soll es gelingen, entsprechend große unternehmerische Vorhaben bis zur Umsetzung zu führen.


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Fraunhofer ISI (Institut für System- und Innovationsforschung), Fraunhofer IKTS (Institut für Keramische Technologien und Systeme)