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7. vbw Energiewende-Monitoring: Ein verlorenes Jahr für die Energiewende

Von einem »verlorenen Jahr« für die Energiewende sprach Alfred Gaffal, Präsident der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V., anlässlich der Vorstellung des 7. vbw-Monitoring der Energiewende in München. Kritisch: Bayern bekommt Ende 2022 eine dicke Versorgungslücke.

Hauptergebnisse der Untersuchung Bildquelle: © vbw / Prognos AG

Das neue Energiewende-Monitoring bezog sich auf das Jahr 2017 und ist die einzige Untersuchung in Deutschland, die die Energiewende-Entwicklungen umfassend nach den Kriterien »Versorgungssicherheit«, »Bezahlbarkeit«, »Energieeffizienz und Einsatz Erneuerbarer« sowie »Umweltverträglichkeit« bewertet. Eine Übersicht wichtiger Ergebnisse der Untersuchung finden Sie in unserer Bilderstrecke.

Es fehle nach wie vor ein »schlüssiges energiepolitisches Gesamtkonzept« so Gaffal und der Spielraum nach oben sei bei den Strompreisen aufgebraucht. Haushalte und Industrie haben seit 2000 erhebliche Strompreissteigerungen verkraftet. Diese könnten nur durch eine Beendung des EEG-Systems rückgängig gemacht werden, erklärte der vbw-Präsident. 

Am gravierendsten für Bayern: Hier entsteht nach der Abschaltung der letzten bayerischen Kernkraftwerke Ende 2022 eine dicke Versorgungslücke. Einer Jahreshöchstlast von 12, 7 GW steht dann eine gesicherte Leistung von nur noch 8 GW gegenüber, 4,7 GW zu wenig. Die nötigen Übertragungsleitungen werden aber vor 2025 nicht fertiggestellt. Raus aus der Kohle, raus aus der Kernkraft, aber keine Stromleitungen bauen – da hilft auch kein Beten, sondern wahrscheinlich nur Zukauf von Atom- und Kohlestrom aus dem Ausland.

7. Energiewendemonitoring Bildquelle: © vbw e.V.

Bemängelte die nicht nachhaltig gesicherte Versorgungssicherheit und die hohen Strompreise als Bedrohung des Industriestandorts Deutschland: vbw-Präsident Alfred Gaffal in München.

Bayern liegt bei der Energieeffizienz und dem Einsatz Erneuerbarer vor dem Bund, aber kann damit die ab 2022 fehlenden Erzeugungskapazitäten nicht kompensieren. »Die Politik muss jetzt entscheiden, wo der fehlende Strom für Bayern nach 2022 versorgungssicher herkommen soll«, forderte der vbw-Präsident. Viel stärker müssten die Chancen der Digitalisierung beim Umbau des Energiesystems genutzt werden, Stichwort Smart Grid, Big Data- und KI. Diese müssten für die Prognose und das Management des Energiebedarfs und der Erzeugung genutzt werden.

Die Energiewende schaffe weder Sicherheit im Stromversorgungssystem, noch eine bezahlbare und umweltverträgliche Energieversorgung so Gaffal, der die Ergebnisse des von der Prognos AG im Auftrag des vbw durchgeführten 7. Monitoring der Energiewende insgesamt kritisch bewertete. Überambitionierte klimapolitische Alleingänge in Deutschland seien – nicht nur angesichts der weltweit im Bau befindlichen und geplanten 1.400 Kohlekraftwerke – wirkungslos und schadeten der Wirtschaft. Gaffal wandte sich auch gegen ein Klimaschutzgesetz, in dem Sektor-spezifische Klimaziele verankert werden. 

Trotz Kosten von hunderten von Milliarden Euro für die Energiewende verfehlt Deutschland die selbst gesteckten Klima-Ziele »krachend«, so Gaffal. Statt um 40 Prozent wurden die Treibhausgase nur um 32 Prozent reduziert. Der Energiewende im Wärmebereich findet bislang nicht statt. Ihr müsse endlich Priorität eingeräumt werden.

BMW i3 wird an Ladesäule geladen Bildquelle: © BMVI

Bei der als kritisch bewerteten künftigen Versorgungssicherheit berücksichtigte das vbw-Gutachten noch nicht einmal den durch den beschlossenen Ausbau der Elektromobilität zu erwartenden, zusätzlich ansteigenden Strombedarf Deutschlands.

Die Gesamtbewertung Deutschlands im Energiewende Monitoring verbesserte sich – auf insgesamt schlechtem Niveau bleibend – trotz aller Kritik, leicht. Die Bewertung des Anteils erneuerbarer Energien am Stromverbrauch fiel positiv aus, die Entwicklung der Industriestrompreise wurde nach »schlecht« nur noch als »kritisch« bewertet und der Netzstabilitäts-Indikator (SAIDI-Wert, »System Average Interruption Duration Index«) blieb positiv. Alle anderen Indikatoren blieben negativ. 

Dr. Almut Kirchner, Vize-Direktorin der Prognos AG legte dar, dass gegenwärtig die installierte Leistung zusammen mit der Leistungsreserve und den Reservekraftwerken, zu denen immer mehr alte Kohlekraftwerke gehören, ausreicht, um, für Deutschland betrachtet, die Jahreshöchstlast zu decken. Die Fertigstellung der Thüringer Strombrücke im September 2018 sorgte für Entspannung bei den zur Stabilisierung des Stromnetzes nötigen Eingriffen, wodurch die Stromausfallzeit auf dem (traditionell) niedrigstem Niveau der EU-15-Staaten gehalten wurde. Die Anzahl der Eingriffe nahm aber 2017 weiter zu, wodurch 1,36 Milliarden Euro Kosten (62% mehr als 2016) entstanden. 

Der Strompreisindikator für Haushaltskunden rutschte in den roten Bereich, während der – je nach Abnahmemenge – stark differenzierte Industriestrompreisindikator »gelb« bewertet wurde. Während der Ausbau der erneuerbaren Energien noch oberhalb des beschlossenen Zielpfades lag, entfernte sich die Energieeffizienz negativ vom beschlossenen Zielpfad. Die Treibhausgasemissionen lagen erneut über dem Zielpfad.  Neben den aus dem Ruder laufenden Kosten der Energiewende sind Versorgungsengpässe, wie sie sich ab 2022 in Bayern ankündigen, die am kritischsten zu bewertenden Entwicklungen der Energiewende. 

»Bevor die Bundesregierung den Ausstieg aus der Kohle beschließt, muss sie jetzt zuerst ganz konkret festlegen, wie sie den Preisanstieg verhindern und die entstehende Versorgungslücke schließen will«, so Gaffal. Vor diesem Hintergrund  erschwerten die aktuellen Vorschläge der Kohlekommission das Vorankommen der Energiewende zusätzlich. »Die Energiewende steckt immer noch fest«, resümierte vbw-Präsident Gaffal.