Stärkerer Beitrag der Erneuerbaren, aber:

»Große Spitzenlastkraftwerke sind weiter erforderlich«

29. November 2010, 15:09 Uhr | Heinz Arnold
Prof. Christian Rehtanz, Technische Universität Dortmund: »Es bleibt die Frage: wo kommt die Energie bei weiträumigen Flauten her?«
Prof. Christian Rehtanz, Technische Universität Dortmund: »Es bleibt die Frage: wo kommt die Energie bei weiträumigen Flauten her?«
© TU Dortmund

Die Erneuerbaren Energien müssen künftig einen stärkeren Beitrag zur Netzstabilität leisten, meint Prof. Christian Rehtanz vom Lehrstuhl für Energiesysteme und Energiewirtschaft der Technischen Universität Dortmund.

Außerdem seien HGÜ für die Stabilität empfohlen und mit intelligenter Netzplanung und Leitungsüberwachung ließen sich einige, jedoch nur wenige neue Leitungen einsparen.

Energie & Technik: Der BEE liest aus der Dena-II-Studie heraus, dass die Erneuerbaren Energien ihre Regelenergie weitgehend selbst liefern können. Sehen sie das auch so?

Prof. Christian Rehtanz: Die Reaktion des BEE auf die Dena-II-Studie halte ich für nicht durchgehend gelungen. Was auf jeden Fall richtig ist: die Erneuerbaren Energien müssen einen Beitrag zur Netzstabilität leisten. Allerdings bleibt die Frage: wo kommt die Energie bei weiträumigen Flauten her? Flauten und bewölkter Himmel, das kommt ja durchaus vor, gerade in der kalten Jahreszeit. Doch große Speichermöglichkeiten gibt es auf absehbare Zeit nicht, also benötigt man weiterhin große konventionelle Spitzenlastkraftwerke, um die Ausgleichsenergie liefern zu können.

In der Dena-Studie ist viel vom 380-kV-Netzausbau die Rede. Wären alle Probleme mit neuen Stromtrassen gelöst?

Beim Thema Stabilität unterschiedlicher Ausprägungen gerade bei hoher Dynamik müsste die Studie noch weiter ins Detail gehen. Es kommt einiges auf uns zu, um das Netz künftig stabil halten zu können. Die vielen Wechselrichter der erneuerbaren Energien beispielsweise wirken sich negativ auf die Stabilität des Netzes aus.

Was wäre erforderlich?

Eine Möglichkeit wäre die Hochspannungsgleichstromübertragung, auch wenn das etwas teurer kommen sollte. Damit können wir das Netz »verkürzen«. Das erfordert allerdings Grundsatzuntersuchungen auf europäischer Ebene.

Das bedeutet wiederum: es geht noch mehr Zeitz ins Land. Neue Stromleitungen wären aber sehr dingend erforderlich?

Von dem Genehmigungsverfahren bis zur Fertigstellung einer neuen Freileitung dauert es nach den bisherigen Erfahrungen mindestens zehn Jahre. Andererseits wird das System nicht sofort zusammenbrechen, wenn nicht alle Leitungen, die die Dena-II-Studie vorschlägt, bis 2020 gebaut sein werden.

Was wäre wenn bis 2020 nur die Hälfte der vorgeschlagenen Leitungen fertig gestellt wären?

Es wäre dann wohl schon eine Herausforderung, das Netz unter diesen Umständen stabil zu halten. Einschränkungen bei der Einspeisung erneuerbarer Energien wären dann die Folge.

Könnte man  durch intelligente Planung und Monitoring nicht einiges an neuen Leitungen umgehen?

Das ist ein sehr komplexes System, das Erzeugung, Lastmanagement, den Markt und die Erneuerbaren Energien mit einbeziehen muss. Bei der heutigen Planung kann man nur schwer erkennen, ob eine  Leitung nur zu 1 Prozent oder nur zu 10 Prozent der Zeit benötigt wird. Es würde sich in solchen Fällen aber lohnen genauer, d.h. mit wahrscheinlichkeitsbasierten Verfahren hin zu schauen, dann könnte man tatsächlich Leitungen einsparen.
Das Monitoring an voll ausgelasteten Leitungen durchzuführen bringt nichts. Aber wenn man im Winter beispielsweise für einzelne Spitzenstunden um 20 bis 30 Prozent mehr Energie transportieren kann, dann lohnt sich der Aufwand.