Studie der Universität Leuven

Ohne massives Recycling könnte der Green Deal scheitern

9. Mai 2022, 9:00 Uhr | Ralf Higgelke
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Um das Ziel des Green Deal der Europäischen Union zu erreichen, werden laut einer Studie der KU Leuven (Belgien) 35-mal mehr Lithium und bis zu 26-mal mehr Seltene Erden benötigt als heute. Die einzige Chance dürfte daher ein massives Recycling sein. Aber das Zeitfenster schließt sich.

Am 8. März 2022 forderte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die Unabhängigkeit Europas von russischem Öl, Kohle und Gas: »Wir können uns nicht auf einen Lieferanten verlassen, der uns ausdrücklich bedroht. Wir müssen jetzt handeln, um … den Übergang zu sauberer Energie zu beschleunigen. Je schneller wir auf erneuerbare Energien und Wasserstoff umsteigen, gepaart mit einer höheren Energieeffizienz, desto schneller werden wir wirklich unabhängig sein und unser Energieversorgungssystem selbst in der Hand haben.«

Nun hat die Katholische Universität Löwen (KU Leuven) im Auftrag von Eurometaux, dem europäischen Verband der Metallhersteller, die Studie Metals for Clean Energy verfasst. Diese ist die erste, die EU-spezifische Zahlen im Zusammenhang mit der Warnung der Internationalen Energieagentur (IEA) vom Jahr 2021 vor drohenden Versorgungsengpässen bei den für den Umbau der Energieversorgung von fossilen auf regenerative Energien erforderlichen Metallen liefert. Tabelle 1 zeigt, wie hoch die Studie den jährlichen Bedarf an verschiedenen Metallen im Jahr 2050 schätzt.

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Recycling von Metallen wird nach einer Studie der KU Leuven der entscheidende Faktor für Europas strategische Autonomie bei Rohstoffen.
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Demnach könnte Europa ab dem Jahr 2030 mit Problemen konfrontiert werden, die sich aus globalen Versorgungsengpässen vor allem bei fünf Metallen ergeben: Lithium, Kobalt, Nickel, seltene Erden und Kupfer, die alle für die Nutzung regenerativer Energien maßgeblich sind. Um das Jahr 2040 wird die Nachfrage nach Primärmetallen in der Europäischen Union ihren Höhepunkt erreichen. Danach könnte Europa durch verstärktes Recycling zu einer größeren Selbstversorgung beitragen – vorausgesetzt, es werden umfangreiche Investitionen in die Recycling-Infrastruktur getätigt und gesetzliche Hürden überwunden.

Metall Bedarf im Jahr 2050 in Tonnen Anstieg im Vergleich zu 2022 in Prozent
Aluminium 4.500.000 33
Kupfer 1.500.000 35
Lithium 800.000 3500
Nickel 400.000 100
Zink 300.000 10 bis 15
Silizium 200.000 45
Kobalt 60.000 330
Seltene Erden (Neodym, Dysprosium und Praseodym) 3000 700 bis 2600

Tabelle 1: Jährlicher Bedarf an verschiedenen Metallen im Jahr 2050 in der Europäischen Union (Quelle: KU Leuven)

Risiken bei der Versorgung

Liesbet Gregoir, Hauptautorin der Studie, äußerte sich folgendermaßen: »Europa muss dringend entscheiden, wie es die sich abzeichnende Versorgungslücke bei Primärmetallen schließen will. Ohne eine entschlossene Strategie riskiert es neue Abhängigkeiten von nicht nachhaltigen Lieferanten.«

Die Metallproduktion in China und Indonesien, die mit Kohle beschickt wird, dürfte noch die nächsten zehn Jahre das weltweite Wachstum bei den Verarbeitungsmengen für Batteriemetalle und seltene Erden dominieren. Und nach der Invasion in der Ukraine steht Europa vor dem Dilemma, dass es für einen Großteil seiner Importe von Aluminium, Nickel und Kupfer auch auf Russland angewiesen ist.

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Diesen Aktionsplan, der auf fünf Säulen steht, schlagen die Experten der KU Leuven vor, um die Versorgungslücke bei Metallen zu schließen.
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»Nur mit einem Paradigmenwechsel kann Europa neue lokale Lieferquellen erschließen, die einen hohen ökologischen und sozialen Schutz bieten«, so die Studie. »Heute fehlen sowohl die Zustimmung der Öffentlichkeit als auch die ökonomischen Bedingungen in Europa, um eigene stabile Lieferketten zu schaffen. Das Zeitfenster schließt sich; die Projekte müssen in den nächsten zwei Jahren wirklich vorangetrieben werden, um bis 2030 startklar zu sein.«

Der Studie zufolge könnten neue Bergwerke in Europa fünf und 55 Prozent des europäischen Bedarfs im Jahr 2030 decken. Dabei sind die größten Projektvorhaben für Lithium und Seltene Erden geplant. Allerdings ist die Zukunft der meisten angekündigten Projekte ungewiss, da sich Widerstand in der Bevölkerung vor Ort regt und mit Fragen der Genehmigung zu kämpfen haben oder auf bisher nicht erprobten Verfahren beruhen.

Europa müsste auch neue Anlagen bauen, um abgebaute Erze und Sekundärrohstoffe in Metalle oder Chemikalien umzuwandeln. Angesichts der Energiekrise in Europa sind Investitionen in neue Anlagen schwierig, und die in die Höhe schießenden Strompreise haben bereits dazu geführt, dass fast die Hälfte der bestehenden Verarbeitungsanlagen für Aluminium und Zink auf dem Kontinent vorübergehend stillgelegt wurden, während die Produktion in anderen Teilen der Welt gestiegen ist.

Recycling als Riesenchance

Bis 2050 könnten der Studie zufolge drei Viertel der in Europa hergestellten Kathoden für Batterien, alle Permanentmagneten sowie erhebliche Mengen an Aluminium und Kupfer aus lokal recycelten Metallen hergestellt werden.

»Recycling ist die größte Chance für Europa, seine Autarkie langfristig zu verbessern. Es ist ein Fortschritt, wenn unser umweltfreundliches Energieversorgungssystem auf Metallen basiert, die immer wieder recycelt werden können, anstatt wie heute üblich bei der Versorgung mit Primärmetallen ständig fossile Energieträger zu verbrennen.« Allerdings muss der Europäische Wirtschaftsraum »jetzt entschlossen handeln, um die Recyclingquoten zu erhöhen, in die notwendige Infrastruktur zu investieren und wirtschaftliche Engpässe zu überwinden«. Außerdem stellte die Studie fest, dass das Recycling von Metallen im Durchschnitt zwischen 35 und 95 Prozent der CO2-Emissionen im Vergleich zur Produktion von Primärmetallen einspart.

»Allerdings wird Recycling erst nach 2040 eine tragfähige Versorgungsquelle für Elektrofahrzeuge und Technologien für erneuerbare Energien in Europa darstellen«, stellt die Studie klar. »Diese Anwendungen und ihre Metalle kommen gerade erst auf den Markt und werden erst in den nächsten zehn bis 15 Jahren für das Recycling zur Verfügung stehen.«

Technologische Entwicklungen und Änderungen im Konsumverhalten werden den Metallbedarf nach 2030 ebenfalls stark beeinflussen, wurden aber im Rahmen dieser Studie aufgrund fehlender Szenarien nicht bewertet.


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