Strom und Energie im Jahr 2022

»Wir müssen über Grundsätzliches sprechen«

28. Januar 2022, 13:39 Uhr | Kathrin Veigel
Eaton Dirk Kaisers
Für eine erfolgreiche Energiewende ist es jetzt an der Zeit, in vielen Bereichen in Gesellschaft und Politik umzudenken, findet Dirk Kaisers, Segment Leader Distributed Energy EMEA bei Eaton.
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Die Energiewende ist kein rein politisches Vorhaben, sie betrifft die Gesellschaft in allen Bereichen und kann nur als gemeinsame Kraftanstrengung gelingen. Wo jetzt ein Umdenken dringend nötig ist, erläutert Dirk Kaisers, Segment Leader Distributed Energy EMEA bei Eaton.

Energiewende heißt nicht nur, Strom nur noch aus erneuerbaren Quellen zu erzeugen, auch alle andere Energienutzung muss letztlich CO2-neutral erfolgen – das wird leider oft vergessen. Im Jahr 2020 wies die Gesamtenergienutzung in Deutschland, also inklusive Industrie, Verkehr und Heizung, lediglich etwa 17 Prozent erneuerbare Energien aus. In einigen Bereichen wird zwar zukünftig auch der sogenannte grüne Wasserstoff eine Rolle spielen – doch grün ist dieser nur, wenn er rein elektrolytisch mit grünem Strom erzeugt wurde. Letztendlich bedeutet die Energiewende also auch eine gigantische Elektrifizierung.

Dabei ist gar nicht die Erzeugung das größte Problem: In Anbetracht der Tatsache, dass erneuerbare Energien heute zu Grenzkosten von nahezu Null verfügbar sind, kann man dies auch als Übergang von einem Energiemarkt zu einem Strommarkt betrachten, bei dem es nicht mehr um die Bruttoenergieerzeugung geht, sondern um die Fähigkeit, Strom zur richtigen Zeit am richtigen Ort zur Verfügung zu stellen. Aufgrund der flüchtigen Natur des elektrischen Stroms muss und wird es hier zu einem verstärkten Ausbau dezentraler Erzeugungs- und Speicherressourcen kommen.

Jeder kann aktiv am Strommarkt teilnehmen

Die Kopplung von erneuerbaren Energien mit der Energiespeicherung vor Ort ist für Unternehmen eine Win-Win-Situation, da sie einerseits Stromkosten sparen können, andererseits aber auch Gewinne am Strommarkt erzielen können. In einem offenen und flexiblen Strommarkt können die Teilnehmer produzierte Überschüsse zwischenspeichern und ins Netz einspeisen, wenn die Nachfrage und dementsprechend die Preise hoch sind. Die Kombination von eigener Erzeugung und Speicherung steigert zudem die Resilienz von Betrieben gegenüber Netzausfällen.

Solche dezentralen Speicherressourcen haben darüber hinaus auch Vorteile für das Netz als Ganzes, da sie eine wichtige Ausgleichsfunktion wahrnehmen. Um trotz der wetterabhängigen Erzeugung aus Solar- und Windenergie in Zukunft eine stabile Elektrizitätsversorgung zu gewährleisten, sind solche Puffer sehr wichtig.

Derartige Veränderungen bedingen auch eine zunehmende Digitalisierung unserer Energiesysteme, um Steuerung und Verwaltung zu automatisieren und die Komplexität in den Griff zu bekommen. Ein weiteres Schlüsselelement beim Übergang zu einer CO2-neutralen Energieversorgung ist Flexibilität auf der Nachfrageseite. Um diese Flexibilität zu erreichen, sind Einblicke in und Interaktionen mit elektrischen Anlagen hinter dem Zähler erforderlich, über die Netzbetreiber traditionell keine detaillierten Daten haben.

Das Netz wird zum entscheidenden Parameter

Durch die Entwicklungen, die auf technischer und marktlicher Seite notwendig für die Umsetzung der Energiewende sind, kommt dem Stromnetz eine immense Bedeutung zu. Dieses ist bereits ein hochentwickeltes System für die Überwachung und das Management von Energie, aber die meiste Zeit seines Bestehens verlief der Energiefluss nur in eine Richtung, von relativ wenigen Produktionsstandorten zu vielen Verbrauchsstandorten. In einer neuen Ära der »Prosumenten« (Verbraucher, die selbst auch Erzeuger sind) werden wir auf ein intelligentes Netz angewiesen sein, um einen bidirektionalen Fluss zu steuern.

Es liegt jedoch auf der Hand, dass es bei dieser Herausforderung nicht allein um Technologie, sondern auch um eine Änderung der Denkweise geht. Dafür ist noch viel zu tun, aber das Bewusstsein der Verbraucher für die Mechanismen des Energiemarktes wächst bereits.

Auch Regierungen und die Industrie erkennen immer mehr die wichtige Rolle, die der einzelne Verbraucher für die Netzstabilität spielt. Wenn sich in der gesamten Gesellschaft ein Bewusstsein dafür entwickelt, wie und wo die Energie erzeugt wurde, die wir täglich verbrauchen, wäre ein großer Schritt getan.


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